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anderer und tiefer liegender Verbindungswege. Für die Überzahl der bei der Analyse
aufgedeckten Gedankenmassen muß man zugestehen, daß sie schon bei der Traumbildung tätig
gewesen sind, denn wenn man sich durch eine Kette solcher Gedanken, die außer Zusammenhang
mit der Traumbildung scheinen, durchgearbeitet hat, stößt man dann plötzlich auf einen
Gedanken, der, im Trauminhalt vertreten, für die Traumdeutung unentbehrlich ist und doch nicht
anders als durch jene Gedankenkette zugänglich war. Man vergleiche hiezu etwa den Traum von
der botanischen Monographie, der als das Ergebnis einer erstaunlichen Verdichtungsleistung
erscheint, wenngleich ich seine Analyse nicht vollständig mitgeteilt habe.
Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während des Schlafens, der dem Träumen
vorangeht, vorstellen? Bestehen alle die Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie
nacheinander durchlaufen, oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge von verschiedenen
Zentren aus gebildet, die dann zusammentreffen? Ich meine, es liegt noch keine Nötigung vor,
sich von dem psychischen Zustand bei der Traumbildung eine plastische Vorstellung zu schaffen.
Vergessen wir nur nicht, daß es sich um unbewußtes Denken handelt und daß der Vorgang leicht
ein anderer sein kann als der, welchen wir beim absichtlichen, von Bewußtsein begleiteten
Nachdenken in uns wahrnehmen. Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer
Verdichtung beruht, steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Verdichtung nun zustande?
Wenn man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken nur die wenigsten durch eines
ihrer Vorstellungselemente im Traum vertreten sind, so sollte man schließen, die Verdichtung
geschehe auf dem Wege der Auslassung, indem der Traum nicht eine getreuliche Übersetzung
oder eine Projektion Punkt für Punkt der Traumgedanken, sondern eine höchst unvollständige
und lückenhafte Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht ist, wie wir bald finden werden, eine
sehr mangelhafte. Doch fußen wir zunächst auf ihr und fragen uns weiter: Wenn nur wenige
Elemente aus den Traumgedanken in den Trauminhalt gelangen, welche Bedingungen bestimmen
die Auswahl derselben?
Um hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine Aufmerksamkeit den Elementen
des Trauminhalts zu, welche die gesuchten Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu
dessen Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen, wird für diese Untersuchung das
günstigste Material sein. Ich wähle
I
den auf S. 183 ff. mitgeteilten
Traum von der botanischen Monographie.
trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine (unbestimmt gelassene) Pflanzenart
geschrieben. Das Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine eingeschlagene farbige Tafel um.
Dem Exemplar ist ein getrocknetes Spezimen der Pflanze beigebunden.
Das augenfälligste Element dieses Traums ist die botanische Monographie. Diese stammt aus den
Eindrücken des Traumtages; in einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tatsächlich eine
Monographie über die Gattung »Zyklamen« gesehen. Die Erwähnung dieser Gattung fehlt im
Trauminhalt, in dem nur die Monographie und ihre Beziehung zur Botanik übriggeblieben sind.
Die »botanische Monographie« erweist sofort ihre Beziehung zu der Arbeit über Kokain, die ich
einmal geschrieben habe; vom Kokain aus geht die Gedankenverbindung einerseits zur
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin