Page - 541 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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die übrigen Bestandteile des Traumes auf ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die
farbige Tafel, die ich aufschlage, geht (vgl. die Analyse S. 185 f.) auf ein neues Thema, die Kritik
der Kollegen an meinen Arbeiten, und auf ein bereits im Traum vertretenes, meine
Liebhabereien, außerdem auf die Kindererinnerung, in der ich ein Buch mit farbigen Tafeln
zerpflücke, das getrocknete Exemplar der Pflanze rührt an das Gymnasialerlebnis vom
Herbarium und hebt diese Erinnerung besonders hervor. Ich sehe also, welcher Art die Beziehung
zwischen Trauminhalt und Traumgedanken ist: Nicht nur die Elemente des Traums sind durch
die Traumgedanken mehrfach determiniert, sondern die einzelnen Traumgedanken sind auch im
Traum durch mehrere Elemente vertreten. Von einem Element des Traums führt der
Assoziationsweg zu mehreren Traumgedanken, von einem Traumgedanken zu mehreren
Traumelementen. Die Traumbildung erfolgt also nicht so, daß der einzelne Traumgedanke oder
eine Gruppe von solchen eine Abkürzung für den Trauminhalt liefert und dann der nächste
Traumgedanke eine nächste Abkürzung als Vertretung, etwa wie aus einer Bevölkerung
Volksvertreter gewählt werden, sondern die ganze Masse der Traumgedanken unterliegt einer
gewissen Bearbeitung, nach welcher die meist- und bestunterstützten Elemente sich für den
Eintritt in den Trauminhalt herausheben, etwa der Wahl durch Listenskrutinium analog. Welchen
Traum immer ich einer ähnlichen Zergliederung unterziehe, ich finde stets die nämlichen
Grundsätze bestätigt, daß die Traumelemente aus der ganzen Masse der Traumgedanken gebildet
werden und daß jedes von ihnen in bezug auf die Traumgedanken mehrfach determiniert
erscheint.
Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt und Traumgedanken an einem
neuen Beispiel zu erweisen, welches sich durch besonders kunstvolle Verschlingung der
wechselseitigen Beziehungen auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten her, den ich
wegen Angst in geschlossenen Räumen behandle. Es wird sich bald ergeben, weshalb ich mich
veranlaßt finde, diese ausnehmend geistreiche Traumleistung in folgender Weise zu
überschreiben:
II
»Ein schöner Traum«
Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-Straße, in der sich ein bescheidenes Einkehrwirtshaus
befindet (was nicht richtig ist). In den Räumen desselben wird Theater gespielt; er ist bald
Publikum, bald Schauspieler. Am Ende heißt es, man müsse sich umziehen, um wieder in die
Stadt zu kommen. Ein Teil des Personals wird in die Parterreräume verwiesen, ein anderer in die
des ersten Stockes. Dann entsteht ein Streit. Die oben ärgern sich, daß die unten noch nicht fertig
sind, so daß sie nicht herunter können. Sein Bruder ist oben, er unten, und er ärgert sich über
den Bruder, daß man so gedrängt wird. (Diese Partie ist unklar.) Es war übrigens schon beim
Ankommen bestimmt und eingeteilt, wer oben und wer unten sein soll. Dann geht er allein über
die Anhöhe, welche die X-Straße gegen die Stadt hin macht, und geht so schwer, so mühselig, daß
er nicht von der Stelle kommt. Ein älterer Herr gesellt sich zu ihm und schimpft über den König
von Italien. Am Ende der Anhöhe geht er dann viel leichter.
Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß er nach dem Erwachen eine Weile
zweifelte, ob es Traum oder Wirklichkeit war.
Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum loben können. Die Deutung will ich
regelwidrig mit jenem Stück beginnen, welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin