Page - 550 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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mein Gedankengang weiter, nahm die Besorgnisse meiner Frau auf und verwob allerlei anderes
damit. Eine Äußerung, die der Dichter gegen meinen Bruder in bezug auf das Heiraten getan
hatte, zeigte meinen Gedanken einen Nebenweg, der zur Darstellung im Traum führen konnte.
Dieser Weg leitete nach Breslau, wohin eine uns sehr befreundete Dame geheiratet hatte. Für die
Besorgnis, am Weibe zugrunde zu gehen, die den Kern meiner Traumgedanken bildete, fand ich
in Breslau die Exempel Lasker und Lassalle auf, die mir gleichzeitig die beiden Arten dieser
Beeinflussung zum Unheil darzustellen gestatteten[118]. Das »cherchez la femme«, in dem sich
diese Gedanken zusammenfassen lassen, bringt mich in anderem Sinn auf meinen noch
unverheirateten Bruder, der Alexander heißt. Nun merke ich, daß Alex, wie wir den Namen
abkürzen, fast wie eine Umstellung von Lasker klingt und daß dieses Moment mitgewirkt haben
muß, meinen Gedanken die Umwegsrichtung über Breslau mitzuteilen.
Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, enthält aber noch einen weiteren Sinn.
Sie vertritt den Wunsch eines glücklichen Familienlebens für meinen Bruder, und zwar auf
folgendem Weg: In dem Künstlerroman L’oeuvre, der meinen Traumgedanken inhaltlich
naheliegen mußte, hat der Dichter bekanntlich sich selbst und sein eigenes Familienglück
episodisch mitgeschildert und tritt darin unter dem Namen Sandoz auf. Wahrscheinlich hat er bei
der Namensverwandlung folgenden Weg eingeschlagen: Zola gibt umgekehrt (wie die Kinder so
gerne zu tun pflegen) Aloz. Das war ihm wohl noch zu unverhüllt; darum ersetzte sich ihm die
Silbe Al, die auch den Namen Alexander einleitet, durch die dritte Silbe desselben Namens sand,
und so kam Sandoz zustande. So ähnlich entstand also auch mein Autodidasker.
Meine Phantasie, daß ich Professor N. erzähle, der von uns beiden gesehene Kranke leide nur an
einer Neurose, ist auf folgende Weise in den Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines
Arbeitsjahrs bekam ich einen Patienten, bei dem mich meine Diagnostik im Stiche ließ. Es war
ein schweres organisches Leiden, vielleicht eine Rückenmarksveränderung, anzunehmen, aber
nicht zu beweisen. Eine Neurose zu diagnostizieren wäre verlockend gewesen und hätte allen
Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn nicht die sexuelle Anamnese, ohne die ich keine
Neurose anerkennen will, vom Kranken so energisch in Abrede gestellt worden wäre. In meiner
Verlegenheit rief ich den Arzt zur Hilfe, den ich menschlich am meisten verehre (wie andere
auch) und vor dessen Autorität ich mich am ehesten beuge. Er hörte meine Zweifel an, hieß sie
berechtigt und meinte dann: »Beobachten Sie den Mann weiter, es wird Neurose sein.« Da ich
weiß, daß er meine Ansichten über die Ätiologie der Neurosen nicht teilt, hielt ich meinen
Widerspruch zurück, verbarg aber nicht meinen Unglauben. Einige Tage später machte ich dem
Kranken die Mitteilung, daß ich mit ihm nichts anzufangen wisse, und riet ihm, sich an einen
anderen zu wenden. Da begann er zu meiner höchsten Überraschung, mich um Verzeihung zu
bitten, daß er mich belogen habe; er habe sich so sehr geschämt, und nun enthüllte er mir gerade
das Stück sexueller Ätiologie, das ich erwartet hatte und dessen ich zur Annahme einer Neurose
bedurfte. Mir war es eine Erleichterung, aber auch gleichzeitig eine Beschämung; ich mußte mir
zugestehen, daß mein Consiliarius, durch die Berücksichtigung der Anamnese unbeirrt, richtiger
gesehen hatte. Ich nahm mir vor, es ihm zu sagen, wenn ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen, daß er
recht gehabt habe und ich unrecht.
Gerade das tue ich nun im Traum. Aber was für Wunscherfüllung soll es denn sein, wenn ich
bekenne, daß ich unrecht habe? Gerade das ist mein Wunsch; ich möchte unrecht haben mit
meinen Befürchtungen, respektive ich möchte, daß meine Frau, deren Befürchtungen ich in den
Traumgedanken mir angeeignet habe, unrecht behält. Das Thema, auf welches sich das Recht-
oder Unrechtbehalten im Traum bezieht, ist von dem für die Traumgedanken wirklich
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin