Page - 553 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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B
Die Verschiebungsarbeit
Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation mußte uns bereits auffallen,
während wir die Beispiele für die Traumverdichtung sammelten. Wir konnten bemerken, daß die
Elemente, welche im Trauminhalt sich als die wesentlichen Bestandteile hervordrängen, in den
Traumgedanken keineswegs die gleiche Rolle spielen. Als Korrelat dazu kann man auch die
Umkehrung dieses Satzes aussprechen. Was in den Traumgedanken offenbar der wesentliche
Inhalt ist, braucht im Traum gar nicht vertreten zu sein. Der Traum ist gleichsam anders zentriert,
sein Inhalt um andere Elemente als Mittelpunkt geordnet als die Traumgedanken. So z. B. ist im
Traum von der botanischen Monographie Mittelpunkt des Trauminhalts offenbar das Element
»botanisch«; in den Traumgedanken handelt es sich um die Komplikationen und Konflikte, die
sich aus verpflichtenden Leistungen zwischen Kollegen ergeben, in weiterer Folge um den
Vorwurf, daß ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu bringen pflege, und das Element
»botanisch« findet in diesem Kern der Traumgedanken überhaupt keine Stelle, wenn es nicht
durch eine Gegensätzlichkeit locker damit verbunden ist, denn Botanik hatte niemals einen Platz
unter meinen Lieblingsstudien. In dem Sapphotraum meines Patienten ist das Auf- und
Niedersteigen, Oben- und Untensein zum Mittelpunkt gemacht; der Traum handelt aber von den
Gefahren sexueller Beziehungen zu niedrigstehenden Personen, so daß nur eines der Elemente
der Traumgedanken, dies aber in ungebührlicher Verbreiterung, in den Trauminhalt eingegangen
scheint. Ähnlich ist im Traum von den Maikäfern, welcher die Beziehungen der Sexualität zur
Grausamkeit zum Thema hat, zwar das Moment der Grausamkeit im Trauminhalt wieder
erschienen, aber in andersartiger Verknüpfung und ohne Erwähnung des Sexuellen, also aus dem
Zusammenhang gerissen und dadurch zu etwas Fremdem umgestaltet. In dem Onkeltraum
wiederum scheint der blonde Bart, der dessen Mittelpunkt bildet, außer aller Sinnbeziehung zu
den Größenwünschen, die wir als den Kern der Traumgedanken erkannt haben. Solche Träume
machen dann mit gutem Recht einen »verschobenen« Eindruck. Im vollen Gegensatz zu diesen
Beispielen zeigt dann der Traum von Irmas Injektion, daß bei der Traumbildung die einzelnen
Elemente auch wohl den Platz behaupten können, den sie in den Traumgedanken einnehmen. Die
Kenntnisnahme dieser neuen, in ihrem Sinne durchaus inkonstanten Relation zwischen
Traumgedanken und Trauminhalt ist zunächst geeignet, unsere Verwunderung zu erregen. Wenn
wir bei einem psychischen Vorgang des Normallebens finden, daß eine Vorstellung aus mehreren
anderen herausgegriffen wurde und für das Bewußtsein besondere Lebhaftigkeit erlangt hat, so
pflegen wir diesen Erfolg als Beweis dafür anzusehen, daß der siegenden Vorstellung eine
besonders hohe psychische Wertigkeit (ein gewisser Grad von Interesse) zukommt. Wir machen
nun die Erfahrung, daß diese Wertigkeit der einzelnen Elemente in den Traumgedanken für die
Traumbildung nicht erhalten bleibt oder nicht in Betracht kommt. Es ist ja kein Zweifel darüber,
welches die höchstwertigen Elemente der Traumgedanken sind; unser Urteil sagt es uns
unmittelbar. Bei der Traumbildung können diese wesentlichen, mit intensivem Interesse betonten
Elemente nun so behandelt werden, als ob sie minderwertig wären, und an ihre Stelle treten im
Traum andere Elemente, die in den Traumgedanken sicherlich minderwertig waren. Es macht
zunächst den Eindruck, als käme die psychische Intensität[120] der einzelnen Vorstellungen für die
Traumauswahl überhaupt nicht in Betracht, sondern bloß die mehr oder minder vielseitige
Determinierung derselben. Nicht was in den Traumgedanken wichtig ist, kommt in den Traum,
sondern was in ihnen mehrfach enthalten, könnte man meinen; das Verständnis der Traumbildung
wird aber durch diese Annahme nicht sehr gefördert, denn von vornherein wird man nicht
glauben können, daß die beiden Momente der mehrfachen Determinierung und der eigenen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin