Page - 554 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Wertigkeit bei der Traumauswahl anders als gleichsinnig wirken können. Jene Vorstellungen,
welche in den Traumgedanken die wichtigsten sind, werden wohl auch die am häufigsten in
ihnen wiederkehrenden sein, da von ihnen wie von Mittelpunkten die einzelnen Traumgedanken
ausstrahlen. Und doch kann der Traum diese intensiv betonten und vielseitig unterstützten
Elemente ablehnen und andere Elemente, denen nur die letztere Eigenschaft zukommt, in seinen
Inhalt aufnehmen.
Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen Eindruck verwenden, den man bei der
Untersuchung der Überdeterminierung des Trauminhalts empfangen hat. Vielleicht hat schon
mancher Leser dieser Untersuchung bei sich geurteilt, die Überdeterminierung der
Traumelemente sei kein bedeutsamer Fund, weil sie ein selbstverständlicher ist. Man geht ja bei
der Analyse von den Traumelementen aus und verzeichnet alle Einfälle, die sich an dieselben
knüpfen; kein Wunder dann, daß in dem so gewonnenen Gedankenmaterial eben diese Elemente
sich besonders häufig wiederfinden. Ich könnte diesen Einwand nicht gelten lassen, werde aber
selbst etwas ihm ähnlich Klingendes zur Sprache bringen: Unter den Gedanken, welche die
Analyse zutage fördert, finden sich viele, die dem Kern des Traumes ferner stehen und die sich
wie künstliche Einschaltungen zu einem gewissen Zwecke ausnehmen. Der Zweck derselben
ergibt sich leicht; gerade sie stellen eine Verbindung, oft eine gezwungene und gesuchte
Verbindung zwischen Trauminhalt und Traumgedanken her, und wenn diese Elemente aus der
Analyse ausgemerzt würden, entfiele für die Bestandteile des Trauminhalts oftmals nicht nur die
Überdeterminierung, sondern überhaupt eine genügende Determinierung durch die
Traumgedanken. Wir werden so zum Schlusse geleitet, daß die mehrfache Determinierung, die
für die Traumauswahl entscheidet, wohl nicht immer ein primäres Moment der Traumbildung,
sondern oft ein sekundäres Ergebnis einer uns noch unbekannten psychischen Macht ist. Sie muß
aber bei alledem für das Eintreten der einzelnen Elemente in den Traum von Bedeutung sein,
denn wir können beobachten, daß sie mit einem gewissen Aufwand hergestellt wird, wo sie sich
aus dem Traummaterial nicht ohne Nachhilfe ergibt.
Es liegt nun der Einfall nahe, daß bei der Traumarbeit eine psychische Macht sich äußert, die
einerseits die psychisch hochwertigen Elemente ihrer Intensität entkleidet und anderseits auf dem
Wege der Überdeterminierung aus minderwertigen neue Wertigkeiten schafft, die dann in den
Trauminhalt gelangen. Wenn das so zugeht, so hat bei der Traumbildung eine Übertragung und
Verschiebung der psychischen Intensitäten der einzelnen Elemente stattgefunden, als deren Folge
die Textverschiedenheit von Trauminhalt und Traumgedanken erscheint. Der Vorgang, den wir
so supponieren, ist geradezu das wesentliche Stück der Traumarbeit: er verdient den Namen
Traumverschiebung. Traumverschiebung und Traumverdichtung sind die beiden Werkmeister,
deren Tätigkeit wir die Gestaltung des Traumes hauptsächlich zuschreiben dürfen.
Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht, die sich in den Tatsachen der
Traumverschiebung äußert, zu erkennen. Der Erfolg dieser Verschiebung ist, daß der
Trauminhalt dem Kern der Traumgedanken nicht mehr gleichsieht, daß der Traum nur eine
Entstellung des Traumwunsches im Unbewußten wiedergibt. Die Traumentstellung aber ist uns
bereits bekannt; wir haben sie auf die Zensur zurückgeführt, welche die eine psychische Instanz
im Gedankenleben gegen eine andere ausübt. Die Traumverschiebung ist eines der Hauptmittel
zur Erzielung dieser Entstellung. Is fecit cui profuit. Wir dürfen annehmen, daß die
Traumverschiebung durch den Einfluß jener Zensur, der endopsychischen Abwehr, zustande
kommt[121].
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin