Page - 558 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die Redeabsicht der dargestellten
Personen, Zärtlichkeit, Drohung, Verwarnung u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch
den flatternden Zettel, so hat sich auch für den Traum die Möglichkeit ergeben, einzelnen der
logischen Relationen zwischen seinen Traumgedanken durch eine zugehörige Modifikation der
eigentümlichen Traumdarstellung Rücksicht zuzuwenden. Man kann die Erfahrung machen, daß
die verschiedenen Träume in dieser Berücksichtigung verschieden weit gehen; während sich der
eine Traum über das logische Gefüge seines Materials völlig hinaussetzt, sucht ein anderer
dasselbe möglichst vollständig anzudeuten. Der Traum entfernt sich hierin mehr oder weniger
weit von dem ihm zur Bearbeitung vorliegenden Text. Ähnlich wechselnd benimmt sich der
Traum übrigens auch gegen das zeitliche Gefüge der Traumgedanken, wenn ein solches im
Unbewußten hergestellt ist (wie z.
B. im Traum von Irmas Injektion).
Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer darstellbaren Relationen im
Traummaterial anzudeuten? Ich werde versuchen, sie einzeln aufzuzählen.
Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zusammenhang zwischen allen Stücken
der Traumgedanken dadurch im ganzen gerecht, daß er dieses Material in einer
Zusammenfassung als Situation oder Vorgang vereinigt. Er gibt logischen Zusammenhang wieder
als Gleichzeitigkeit; er verfährt darin ähnlich wie der Maler, der alle Philosophen oder Dichter
zum Bild einer Schule von Athen oder des Parnaß zusammenstellt, die niemals in einer Halle
oder auf einem Berggipfel beisammen gewesen sind, wohl aber für die denkende Betrachtung
eine Gemeinschaft bilden.
Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. Sooft er zwei Elemente nahe
beieinander zeigt, bürgt er für einen besonders innigen Zusammenhang zwischen ihren
Entsprechenden in den Traumgedanken. Es ist wie in unserem Schriftsystem: ab bedeutet, daß
die beiden Buchstaben in einer Silbe ausgesprochen werden sollen, a, und b nach einer freien
Lücke, läßt a als den letzten Buchstaben des einen Worts und b als den ersten eines anderen
Worts erkennen. Demzufolge bilden sich die Traumkombinationen nicht aus beliebigen, völlig
disparaten Bestandteilen des Traummaterials, sondern aus solchen, die auch in den
Traumgedanken in innigerem Zusammenhange stehen.
Die Kausalbeziehungen darzustellen hat der Traum zwei Verfahren, die im Wesen auf dasselbe
hinauslaufen. Die häufigere Darstellungsweise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil dies
so und so war, mußte dies und jenes geschehen, besteht darin, den Nebensatz als Vortraum zu
bringen und dann den Hauptsatz als Haupttraum anzufügen. Wenn ich recht gedeutet habe, kann
die Zeitfolge auch die umgekehrte sein. Stets entspricht dem Hauptsatz der breiter ausgeführte
Teil des Traumes.
Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Kausalität hat mir einmal eine Patientin
geliefert, deren Traum ich späterhin vollständig mitteilen werde. Er bestand aus einem kurzen
Vorspiel und einem sehr weitläufigen Traumstück, das im hohen Grade zentriert war und etwa
überschrieben werden konnte: »Durch die Blume.« Der Vortraum lautete so: Sie geht in die
Küche zu den beiden Mägden und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden »mit dem bißl Essen«.
Dabei sieht sie sehr viel grobes Küchengeschirr zum Abtropfen umgestürzt in der Küche stehen,
und zwar in Haufen aufeinander gestellt. Die beiden Mägde gehen Wasser holen und müssen
dabei wie in einen Fluß steigen, der bis ans Haus oder in den Hof reicht.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin