Page - 562 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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der zweiten Person auch vertreten werden durch die Gebärden, die man ihr zuschreibt, die Worte,
die man sie sprechen läßt, oder die Situation, in welche man sie versetzt. Bei der letzteren Art der
Kennzeichnung beginnt der scharfe Unterschied zwischen Identifizierung und
Mischpersonbildung sich zu verflüchtigen. Es kann aber auch vorkommen, daß die Bildung einer
solchen Mischperson mißlingt. Dann wird die Szene des Traums der einen Person zugeschrieben,
und die andere – in der Regel wichtigere – tritt als sonst unbeteiligte Anwesende daneben hin.
Der Träumer erzählt etwa: Meine Mutter war auch dabei (Stekel). Ein solches Element des
Trauminhalts ist dann einem Determinativum in der Hieroglyphenschrift zu vergleichen, welches
nicht zur Aussprache, sondern zur Erläuterung eines anderen Zeichens bestimmt ist.
Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen rechtfertigt, d.
h. veranlaßt, kann
im Traume dargestellt sein oder fehlen. In der Regel dient die Identifizierung oder
Mischpersonbildung eben dazu, die Darstellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt zu
wiederholen: A ist mir feindlich gesinnt, B aber auch, bilde ich im Traum eine Mischperson aus A
und B oder stelle mir A vor in einer andersartigen Aktion, welche uns B charakterisiert. Die so
gewonnene Traumperson tritt mir im Traum in irgendwelcher neuen Verknüpfung entgegen, und
aus dem Umstände, daß sie sowohl A als auch B bedeutet, schöpfe ich dann die Berechtigung, in
die betreffende Stelle der Traumdeutung einzusetzen, was den beiden gemeinsam ist, nämlich das
feindselige Verhältnis zu mir. Auf solche Weise erziele ich oft eine ganz außerordentliche
Verdichtung für den Trauminhalt; ich kann mir die direkte Darstellung sehr komplizierter
Verhältnisse, die mit einer Person zusammenhängen, ersparen, wenn ich zu dieser Person eine
andere gefunden habe, die auf einen Teil dieser Beziehungen den gleichen Anspruch hat. Es ist
leicht zu verstehen, inwiefern diese Darstellung durch Identifizierung auch dazu dienen kann, die
Widerstandszensur zu umgehen, welche die Traumarbeit unter so harte Bedingungen setzt. Der
Anstoß für die Zensur mag gerade in jenen Vorstellungen liegen, welche im Material mit der
einen Person verknüpft sind; ich finde nun eine zweite Person, welche gleichfalls Beziehungen zu
dem beanstandeten Material hat, aber nur zu einem Teil desselben. Die Berührung in jenem nicht
zensurfreien Punkte gibt mir jetzt das Recht, eine Mischperson zu bilden, die nach beiden Seiten
hin durch indifferente Züge charakterisiert ist. Diese Misch- oder Identifizierungsperson ist nun
als zensurfrei zur Aufnahme in den Trauminhalt geeignet, und ich habe durch Anwendung der
Traumverdichtung den Anforderungen der Traumzensur genügt.
Wo im Traum auch ein Gemeinsames der beiden Personen dargestellt ist, da ist dies gewöhnlich
ein Wink, nach einem anderen verhüllten Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung durch die
Zensur unmöglich gemacht wird. Es hat hier gewissermaßen zugunsten der Darstellbarkeit eine
Verschiebung in betreff des Gemeinsamen stattgefunden. Daraus, daß mir die Mischperson mit
einem indifferenten Gemeinsamen im Traum gezeigt wird, soll ich ein anderes, keineswegs
indifferentes Gemeinsame in den Traumgedanken erschließen.
Die Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im Traum verschiedenen Zwecken,
erstens der Darstellung eines beiden Personen Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer
verschobenen Gemeinsamkeit, drittens aber noch, um eine bloß gewünschte Gemeinsamkeit zum
Ausdruck zu bringen. Da das Herbeiwünschen einer Gemeinsamkeit zwischen zwei Personen
häufig mit einem Vertauschen derselben zusammenfällt, so ist auch diese Relation im Traum
durch Identifizierung ausgedrückt. Ich wünsche im Traume von Irmas Injektion, diese Patientin
mit einer anderen zu vertauschen, wünsche also, daß die andere meine Patientin sein möge, wie
es die eine ist; der Traum trägt diesem Wunsche Rechnung, indem er mir eine Person zeigt, die
Irma heißt, die aber in einer Position untersucht wird, wie ich sie nur bei der anderen zu sehen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin