Page - 566 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Träumers beweisen, daß es zunächst lauten muß: Er ist böse auf den Vater, und sodann, daß ihm
der Vater auf alle Fälle zu früh (d. h. zu bald) nach Hause kam. Er hätte es vorgezogen, daß der
Vater überhaupt nicht nach Hause gekommen wäre, was mit dem Todeswunsch gegen den Vater
identisch ist (siehe S. 259 f.). Der Träumer hatte sich nämlich als kleiner Knabe während einer
längeren Abwesenheit des Vaters eine sexuelle Aggression gegen eine andere Person zuschulden
kommen lassen und war mit der Drohung gestraft worden: Na wart’, bis der Vater zurückkommt!
Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traumgedanken weiter verfolgen, so
nimmt man jetzt am besten den Traum selbst zum Ausgangspunkt und stellt sich die Frage, was
gewisse formale Charaktere der Traumdarstellung in bezug auf die Traumgedanken bedeuten. Zu
diesen formalen Charakteren, die uns im Traume auffallen müssen, gehören vor allem die
Unterschiede in der sinnlichen Intensität der einzelnen Traumgebilde und in der Deutlichkeit
einzelner Traumpartien oder ganzer Träume untereinander verglichen. Die Unterschiede in der
Intensität der einzelnen Traumgebilde umfassen eine ganze Skala von einer Schärfe der
Ausprägung, die man – wiewohl ohne Gewähr – geneigt ist, über die der Realität zu stellen, bis
zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man als charakteristisch für den Traum erklärt, weil
sie eigentlich mit keinem der Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objekten der
Realität wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich bezeichnen wir überdies den
Eindruck, den wir von einem undeutlichen Traumobjekt empfangen, als »flüchtig«, während wir
von den deutlicheren Traumbildern meinen, daß sie auch durch längere Zeit der Wahrnehmung
standgehalten haben. Es fragt sich nun, durch welche Bedingungen im Traummaterial diese
Unterschiede in der Lebhaftigkeit der einzelnen Stücke des Trauminhalts hervorgerufen werden.
Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten, die sich wie unvermeidlich
einstellen. Da zu dem Material des Traums auch wirkliche Sensationen während des Schlafes
gehören können, wird man wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder die von ihnen
abgeleiteten Traumelemente im Trauminhalt durch besondere Intensität hervorstechen, oder
umgekehrt, daß, was im Traum ganz besonders lebhaft ausfällt, auf solche reale
Schlafsensationen zurückführbar sein wird. Meine Erfahrung hat dies aber niemals bestätigt. Es
ist nicht richtig, daß die Elemente des Traums, welche Abkömmlinge von realen Eindrücken
während des Schlafes (Nervenreizen) sind, sich vor den anderen, die aus Erinnerungen stammen,
durch Lebhaftigkeit auszeichnen. Das Moment der Realität geht für die Intensitätsbestimmung
der Traumbilder verloren.
Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die sinnliche Intensität (Lebhaftigkeit) der
einzelnen Traumbilder eine Beziehung habe zur psychischen Intensität der ihnen entsprechenden
Elemente in den Traumgedanken. In den letzteren fällt Intensität mit psychischer Wertigkeit
zusammen; die intensivsten Elemente sind keine anderen als die bedeutsamsten, welche den
Mittelpunkt der Traumgedanken bilden. Nun wissen wir zwar, daß gerade diese Elemente der
Zensur wegen meist keine Aufnahme in den Trauminhalt finden. Aber es könnte doch sein, daß
ihre sie vertretenden nächsten Abkömmlinge im Traum einen höheren Intensitätsgrad aufbringen,
ohne daß sie darum das Zentrum der Traumdarstellung bilden müßten. Auch diese Erwartung
wird indes durch die vergleichende Betrachtung von Traum und Traummaterial zerstört. Die
Intensität der Elemente hier hat mit der Intensität der Elemente dort nichts zu schaffen; es findet
zwischen Traummaterial und Traum tatsächlich eine völlige »Umwertung aller psychischen
Werte« statt. Gerade in einem flüchtig hingehauchten, durch kräftigere Bilder verdeckten
Element des Traums kann man oft einzig und allein einen direkten Abkömmling dessen
entdecken, was in den Traumgedanken übermäßig dominierte.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin