Page - 574 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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erbärmlich frieren. (Etwa als ob die Logen während der langen Vorstellung geheizt werden
müßten.)
Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine Situation gebracht. Der Turm
mitten im Parkett, von dem aus der Dirigent das Orchester leitet; vor allem aber die Kohle, die ihr
die Schwester hinaufreicht! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine Analyse verlangt; mit
etwas Kenntnis von den persönlichen Beziehungen der Träumerin gelang es mir, Stücke von ihm
selbständig zu deuten. Ich wußte, daß sie viel Sympathie für einen Musiker gehabt hatte, dessen
Laufbahn vorzeitig durch Geisteskrankheit unterbrochen worden war. Ich entschloß mich also,
den Turm im Parkett wörtlich zu nehmen. Dann kam heraus, daß der Mann, den sie an Hans
Richters Stelle zu sehen gewünscht hätte, die übrigen Mitglieder des Orchesters turmhoch
überragt. Dieser Turm ist als ein Mischgebilde durch Apposition zu bezeichnen; mit seinem
Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit dem Gitter oben, hinter dem er wie ein
Gefangener oder wie ein Tier im Käfig (Anspielung auf den Namen des Unglücklichen)[133]
herumläuft, das spätere Schicksal desselben. »Narrenturm« wäre etwa das Wort, in dem die
beiden Gedanken hätten zusammentreffen können. Nachdem so die Darstellungsweise des
Traums aufgedeckt war, konnte man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den
Kohlen, die ihr von der Schwester gereicht werden, mit demselben Schlüssel aufzulösen.
»Kohle« mußte »heimliche Liebe« bedeuten.
»Kein Feuer, keine Kohle
kann brennen so heiß
als wie heimliche Liebe,
von der niemand was weiß.«
Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben; die jüngere Schwester, die noch Aussicht
hat zu heiraten, reicht ihr die Kohle hinauf, »weil sie doch nicht gewußt habe, daß es so lange
dauern wird«. Was so lange dauern wird, ist im Traume nicht gesagt; in einer Erzählung würden
wir ergänzen: die Vorstellung; im Traume dürfen wir den Satz für sich ins Auge fassen, ihn für
zweideutig erklären und hinzufügen, »bis sie heiratet«. Die Deutung »heimliche Liebe« wird
dann unterstützt durch die Erwähnung des Vetters, der mit seiner Frau im Parkett sitzt, und durch
die dieser letzteren angedichtete offene Liebschaft. Die Gegensätze zwischen heimlicher und
offener Liebe, zwischen ihrem Feuer und der Kälte der jungen Frau beherrschen den Traum. Hier
wie dort übrigens ein »Hochstehender« als Mittelwort zwischen dem Aristokraten und dem zu
großen Hoffnungen berechtigenden Musiker.
Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes Moment aufgedeckt, dessen
Anteil bei der Verwandlung der Traumgedanken in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen
ist: Die Rücksicht auf die Darstellbarkeit in dem eigentümlichen psychischen Material, dessen
sich der Traum bedient, also zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschiedenen
Nebenanknüpfungen an die wesentlichen Traumgedanken wird diejenige bevorzugt werden,
welche eine visuelle Darstellung erlaubt, und die Traumarbeit scheut nicht die Mühe, den spröden
Gedanken etwa zuerst in eine andere sprachliche Form umzugießen, sei diese auch die
ungewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung ermöglicht und so der psychologischen
Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Ende macht. Diese Umleerung des Gedankeninhalts
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin