Page - 581 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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als Darstellungen des menschlichen Körpers, der Genitalien usw. und ermöglichen erst nach
dieser Auffassung das Verständnis des Traumes. (Vgl. hiezu Pfisters Arbeiten über
Kryptographie und Vexierbilder.) Auch darf man bei unverständlichen Wortneubildungen an
Zusammensetzung aus Bestandteilen mit sexueller Bedeutung denken. – Auch Kinder bedeuten
im Traume oft nichts anderes als Genitalien, wie ja Männer und Frauen gewohnt sind, ihr
Genitale liebkosend als ihr »Kleines« zu bezeichnen. Den »kleinen Bruder« hat Stekel richtig als
den Penis erkannt. Mit einem kleinen Kinde spielen, den Kleinen schlagen usw. sind häufig
Traumdarstellungen der Onanie. – Zur symbolischen Darstellung der Kastration dient der
Traumarbeit: die Kahlheit, das Haarschneiden, der Zahnausfall und das Köpfen. Als Verwahrung
gegen die Kastration ist es aufzufassen, wenn eines der gebräuchlichen Penissymbole im Traume
in Doppel- oder Mehrzahl vorkommt. Auch das Auftreten der Eidechse im Traume – eines
Tieres, dem der abgerissene Schwanz nachwächst – hat dieselbe Bedeutung. (Vgl. oben den
Eidechsentraum S. 38
f.) – Von den Tieren, die in Mythologie und Folklore als Genitalsymbole
verwendet werden, spielen mehrere auch im Traum diese Rolle: der Fisch, die Schnecke, die
Katze, die Maus (der Genitalbehaarung wegen), vor allem aber das bedeutsamste Symbol des
männlichen Gliedes, die Schlange. Kleine Tiere, Ungeziefer sind die Vertreter von kleinen
Kindern, z. B. der unerwünschten Geschwister; mit Ungeziefer behaftet sein ist oft gleichzusetzen
der Gravidität. – Als ein ganz rezentes Traumsymbol des männlichen Genitales ist das Luftschiff
zu erwähnen, welches sowohl durch seine Beziehung zum Fliegen wie gelegentlich durch seine
Form solche Verwendung rechtfertigt.
Eine Reihe anderer, zum Teil noch nicht genügend verifizierter Symbole hat Stekel angegeben
und durch Beispiele belegt. Die Schriften von Stekel, besonders sein Buch: Die Sprache des
Traumes (1911), enthalten die reichste Sammlung von Symbolauflösungen, die zum Teil
scharfsinnig erraten sind und sich bei der Nachprüfung als richtig erwiesen haben, z. B. in dem
Abschnitt über die Symbolik des Todes. Die mangelhafte Kritik des Verfassers und seine
Neigung zu Verallgemeinerungen um jeden Preis machen aber andere seiner Deutungen
zweifelhaft oder unverwendbar, so daß bei dem Gebrauch dieser Arbeiten Vorsicht dringend
anzuraten ist. Ich beschränke mich darum auf die Hervorhebung weniger Beispiele.
Rechts und Links sollen nach Stekel im Traum ethisch aufzufassen sein. »Der rechte Weg
bedeutet immer den Weg des Rechtes, der linke den des Verbrechens. So kann der linke
Homosexualität, Inzest, Perversion, der rechte die Ehe, Verkehr mit einer Dirne usw. darstellen.
Immer gewertet von dem individuell moralischen Standpunkt des Träumers« (Stekel, 1909,
466 ff.). Die Verwandten überhaupt spielen im Traume meistens die Rolle von Genitalien (ibid.,
473). Hier kann ich in dieser Bedeutung nur den Sohn, die Tochter, die jüngere Schwester
bestätigen, soweit also das Anwendungsgebiet des »Kleinen« reicht. Dagegen erkennt man an
gesicherten Beispielen die Schwestern als Symbole der Brüste, die Brüder als solche der großen
Hemisphären. Das Nichteinholen eines Wagens löst Stekel als das Bedauern über eine nicht
einzuholende Altersdifferenz (ibid., 479). Das Gepäck, mit dem man reist, sei die Sündenlast, von
der man gedrückt wird (loc. cit.). Gerade das Reisegepäck erweist sich aber häufig als
unverkennbares Symbol der eigenen Genitalien. Auch den häufig in Träumen vorkommenden
Zahlen hat Stekel fixierte Symbolbedeutungen zugewiesen, doch erscheinen diese Auflösungen
weder genügend sichergestellt noch allgemein gültig, wenngleich die Deutung im einzelnen Falle
meist als wahrscheinlich anerkannt werden darf. Die Dreizahl ist übrigens ein mehrseitig
sichergestelltes Symbol des männlichen Genitales. Eine der Verallgemeinerungen, welche Stekel
aufstellt, bezieht sich auf die doppelsinnige Bedeutung der Genitalsymbole. »Wo gäbe es ein
Symbol, das – wenn es die Phantasie nur einigermaßen erlaubt – nicht männlich und weiblich
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin