Page - 588 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Erst das letzte Bild, welches das Erwachen der Bonne infolge des Geschreis des Kindes enthält,
zeigt uns, daß die früheren sieben die Phasen eines Traumes darstellen. Das erste Bild anerkennt
den Reiz, der zum Erwachen führen sollte. Der Knabe hat ein Bedürfnis geäußert und verlangt
die entsprechende Hilfeleistung. Der Traum vertauscht aber die Situation im Schlafzimmer mit
der eines Spazierganges. Im zweiten Bild hat sie den Knaben bereits an eine Straßenecke gestellt,
er uriniert, und – sie darf weiterschlafen. Der Weckreiz hält aber an, ja er verstärkt sich; der
Knabe, der sich nicht beachtet findet, brüllt immer kräftiger. Je dringender er das Erwachen und
die Hilfeleistung seiner Bonne fordert, desto mehr steigert deren Traum seine Versicherung, daß
alles in Ordnung sei und daß sie nicht zu erwachen brauche. Er übersetzt dabei den Weckreiz in
die Dimensionen des Symbols. Der Wasserstrom, welchen der urinierende Knabe liefert, wird
immer mächtiger. Im vierten Bilde trägt er bereits einen Kahn, dann eine Gondel, ein Segelschiff,
endlich ein großes Dampfschiff! Der Kampf zwischen dem eigensinnigen Schlafbedürfnis und
dem unermüdlichen Weckreiz ist hier in geistreichster Weise von einem mutwilligen Künstler
verbildlicht.
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Ein Stiegentraum
(Mitgeteilt und gedeutet von Otto Rank)
»Demselben Kollegen, von dem der (unten S. 380
ff. angeführte) Zahnreiztraum herrührt,
verdanke ich den folgenden ähnlich durchsichtigen Pollutionstraum:
›Ich jage im Stiegenhaus die Treppe hinunter einem kleinen Mädchen, das mir irgend etwas
getan hat, nach, um es zu bestrafen. Unten am Ende der Stiege hält mir jemand (eine erwachsene
weibliche Person?) das Kind auf; ich fasse es, weiß aber nicht, ob ich es geschlagen habe, denn
plötzlich befand ich mich mitten auf der Stiege, wo ich das Kind (gleichsam wie in der Luft)
koitierte. Eigentlich war es kein Koitus, sondern ich rieb nur mein Genitale an ihrem äußeren
Genitale, wobei ich dieses sowie ihren seitwärts zurückgelegten Kopf überaus deutlich sah.
Während des Sexualaktes sah ich links ober mir (auch wie in der Luft) zwei kleine Gemälde
hängen, Landschaften, die ein Haus im Grünen darstellten. Auf dem einen kleineren stand unten
an Stelle der Namenssignatur des Malers mein eigener Vorname, als wäre es für mich zum
Geburtstagsgeschenk bestimmt. Dann hing noch ein Zettel vor beiden Bildern, worauf stand, daß
billigere Bilder auch zur Verfügung stehen; (ich sehe mich dann höchst undeutlich so wie oben
auf dem Treppenabsatz im Bette liegen) und erwache durch die Empfindung der Nässe, welche
von der erfolgten Pollution herrührt.‹
deutung: Der Träumer war am Abend des Traumtages im Laden eines Buchhändlers gewesen, wo
er während der Wartezeit einige der ausgestellten Bilder besichtigt hatte, die ähnliche Motive wie
die Traumbilder darstellten. Bei einem kleinen Bildchen, das ihm besonders gefallen hatte, trat er
näher und sah nach dem Namen des Malers, der ihm jedoch völlig unbekannt war.
Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem böhmischen Dienstmädchen erzählen
gehört, das sich gerühmt hatte, ihr außereheliches Kind sei ›auf der Stiege gemacht worden‹. Der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin