Page - 591 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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zwischen drei und vier Jahre alt. Das Kindsmädchen treibt sie, ihren um elf Monate jüngeren
Bruder und eine im Alter zwischen beiden stehende Cousine auf den Abort, damit sie dort vor
dem Spaziergang ihre kleinen Geschäfte verrichten. Sie setzt sich als die älteste auf den Sitz, die
beiden anderen auf Töpfe. Sie fragt die Cousine: Hast du auch ein Portemonnaie? Der Waller
hat ein Würstchen, ich hab’ ein Portemonnaie. Antwort der Cousine: Ja, ich hab’ auch ein
Portemonnaie. Das Kindsmädchen hat lachend zugehört und erzählt die Unterhaltung der Mama,
die mit einer scharfen Zurechtweisung reagiert.
Es sei hier ein Traum eingeschaltet, dessen hübsche Symbolik eine Deutung mit geringer
Nachhilfe der Träumerin gestattete:
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»Zur Frage der Symbolik in den Träumen Gesunder«[162]
»Ein von den Gegnern der Psychoanalyse häufig – zuletzt auch von Havelock Ellis (1911, 168) –
vorgebrachter Einwand lautet, daß die Traumsymbolik vielleicht ein Produkt der neurotischen
Psyche sei, aber keineswegs für die normale Gültigkeit habe. Während nun die psychoanalytische
Forschung zwischen normalem und neurotischem Seelenleben überhaupt keine prinzipiellen,
sondern nur quantitative Unterschiede kennt, zeigt die Analyse der Träume, in denen ja bei
Gesunden und Kranken in gleicher Weise die verdrängten Komplexe wirksam sind, die volle
Identität der Mechanismen wie der Symbolik. Ja die unbefangenen Träume Gesunder enthalten
oft eine viel einfachere, durchsichtigere und mehr charakteristische Symbolik als die neurotischer
Personen, in denen sie infolge der stärker wirkenden Zensur und der hieraus resultierenden
weitergehenden Traumentstellung häufig gequält, dunkel und schwer zu deuten ist. Der in
folgendem mitgeteilte Traum diene zur Illustrierung dieser Tatsache. Er stammt von einem nicht
neurotischen Mädchen von eher prüdem und zurückhaltendem Wesen; im Laufe des Gespräches
erfahre ich, daß sie verlobt ist, daß sich aber der Heirat Hindernisse entgegenstellen, die sie zu
verzögern geeignet sind. Sie erzählt mir spontan folgenden Traum:
›I arrange the centre of a table with flowers for a birthday.‹ (Ich richte die Mitte eines Tisches
mit Blumen für einen Geburtstag her.) Auf Fragen gibt sie an, sie sei im Traume wie in ihrem
Heim gewesen (das sie zur Zeit nicht besitzt) und habe ein Glücksgefühl empfunden.
Die ›populäre‹ Symbolik ermöglicht mir, den Traum für mich zu übersetzen. Er ist der Ausdruck
ihrer bräutlichen Wünsche: der Tisch mit dem Blumenmittelstück ist symbolisch für sie selbst
und das Genitale; sie stellt ihre Zukunftswünsche erfüllt dar, indem sie sich bereits mit dem
Gedanken an die Geburt eines Kindes beschäftigt; die Hochzeit liegt also längst hinter ihr.
Ich mache sie darauf aufmerksam, daß ›the centre of a table‹ ein ungewöhnlicher Ausdruck sei,
was sie zugibt, kann hier aber natürlich nicht direkt weiterfragen. Ich vermied es sorgfältig, ihr
die Bedeutung der Symbole zu suggerieren, und fragte sie nur, was ihr zu den einzelnen Teilen
des Traumes in den Sinn komme. Ihre Zurückhaltung wich im Verlaufe der Analyse einem
deutlichen Interesse an der Deutung und einer Offenheit, die der Ernst des Gespräches
ermöglichte. – Auf meine Frage, was für Blumen es gewesen seien, antwortete sie zunächst:
›expensive flowers; one has to pay for them‹ (teuere Blumen, für die man zahlen muß), dann, es
seien ›lilies of the valley, violets and pinks or carnations‹ gewesen (Maiglöckchen, wörtlich:
Lilien vom Tale, Veilchen und Nelken). Ich nahm an, daß das Wort Lilie in diesem Traume in
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin