Page - 593 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Bedeutung haben.
Sie hat auch eine nur im Traume mögliche Erkenntnis ihrer körperlichen Dürftigkeit; sie sieht
sich flach wie einen Tisch; um so mehr wird die Kostbarkeit des ›centre‹ (sie nennt es ein
andermal ›a centre piece of flowers‹), ihre Jungfräulichkeit, hervorgehoben. Auch das
Horizontale des Tisches dürfte ein Element zum Symbol beitragen. – Beachtenswert ist die
Konzentration des Traumes; nichts ist überflüssig, jedes Wort ist ein Symbol.
Sie bringt später einen Nachtrag zum Traume: ›I decorate the flowers with green crinkled paper.‹
(Ich verziere die Blumen mit grünem, gekräuseltem Papier.) Sie fügt hinzu, es sei ›fancy paper«
(Phantasiepapier), mit dem man die gewöhnlichen Blumentöpfe verkleide. Sie sagt weiter: ›to
hide untidy things, whatever was to be seen, which was not pretty to the eye; there is a gap, a
little space in the flowers.‹ Also: ›um unsaubere Dinge zu verbergen, die nicht hübsch anzusehen
sind; ein Spalt, ein kleiner Zwischenraum in den Blumen.‹ ‹The paper looks like velvet or moss‹
(›das Papier sieht wie Samt oder Moos aus‹). Zu ›decorate‹ assoziiert sie ›decorum‹, wie ich es
erwartet hatte. Die grüne Farbe sei vorherrschend; sie assoziiert dazu ›hope‹ (Hoffnung), wieder
eine Beziehung zur Gravidität. – In diesem Teile des Traumes herrscht nicht die Identifizierung
mit dem Manne, sondern es kommen Gedanken von Scham und Offenheit zur Geltung. Sie macht
sich schön für ihn, gesteht sich körperliche Fehler ein, deren sie sich schämt und die sie zu
korrigieren sucht. Die Einfälle Samt, Moos sind ein deutlicher Hinweis, daß es sich um die crines
pubis handelt.
Der Traum ist ein Ausdruck von Gedanken, die das wache Denken des Mädchens kaum kennt;
Gedanken, die sich mit der Sinnenliebe und ihren Organen beschäftigen; sie wird ›für einen
Geburtstag zugerichtet‹, d.
h. koitiert; die Furcht vor der Defloration, vielleicht auch das
lustbetonte Leiden kommen zum Ausdruck; sie gesteht sich ihre körperlichen Mängel ein,
überkompensiert diese durch Überschätzung des Wertes ihrer Jungfräulichkeit. Ihre Scham
entschuldigt die sich zeigende Sinnlichkeit damit, daß diese ja das Kind zum Ziel hat. Auch
materielle Erwägungen, die der Liebenden fremd sind, finden ihren Ausdruck. Der Affekt des
einfachen Traumes – das Glücksgefühl – zeigt an, daß hier starke Gefühlskomplexe ihre
Befriedigung gefunden haben.«
Ferenczi (1917) hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht, wie leicht gerade »Träume von
Ahnungslosen« den Sinn der Symbole und die Bedeutung der Träume erraten lassen.
Die nachstehende Analyse des Traumes einer historischen Persönlichkeit unserer Tage schalte ich
hier ein, weil in ihm ein Gegenstand, der sich auch sonst zur Vertretung des männlichen Gliedes
eignen würde, durch eine hinzugefügte Bestimmung aufs deutlichste als phallisches Symbol
gekennzeichnet wird. Die »unendliche Verlängerung« einer Reitgerte kann nicht leicht anderes
als die Erektion bedeuten. Überdies gibt dieser Traum ein schönes Beispiel dafür, wie ernsthafte
und dem Sexuellen fernabliegende Gedanken durch infantil-sexuelles Material zur Darstellung
gebracht werden.
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Ein Traum Bismarcks
(Von Dr. Hanns Sachs)
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin