Page - 596 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Weg erscheint, dürften dahin deuten, doch reichten sie nicht hin, um daraus eine bestimmte, den
Traum durchziehende Gedanken- und Wunschrichtung zu ergründen. Wir sehen hier ein
Musterbeispiel einer durchaus gelungenen Traumentstellung. Das Anstößige wurde überarbeitet,
daß es nirgends über das Gewebe hinausragt, das als schützende Decke darübergebreitet ist. Die
Folge davon ist, daß jede Entbindung von Angst hintertrieben werden konnte. Es ist ein Idealfall
von gelungener Wunscherfüllung ohne Zensurverletzung, so daß wir begreifen können, daß der
Träumer aus solchem Traum ›froh und gestärkt‹ erwachte.«
Ich schließe mit dem
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Traum eines Chemikers
eines jungen Mannes, der sich bemühte, seine onanistischen Gewohnheiten gegen den Verkehr
mit dem Weibe aufzugeben.
vorbericht: Am Tage vor dem Traume hat er einem Studenten Aufschluß über die Grignardsche
Reaktion gegeben, bei welcher Magnesium unter katalytischer Jodeinwirkung in absolut reinem
Äther aufzulösen ist. Zwei Tage vorher gab es bei der nämlichen Reaktion eine Explosion, bei
der sich ein Arbeiter die Hand verbrannte.
traum: I) Er soll Phenylmagnesiumbromid machen, sieht die Apparatur besonders deutlich, hat
aber sich selbst fürs Magnesium substituiert. Er ist nun in eigentümlich schwankender
Verfassung, sagt sich immer: Es ist das Richtige, es geht, meine Füße lösen sich schon auf, meine
Knie werden weich. Dann greift er hin, fühlt an seine Füße, nimmt inzwischen (er weiß nicht wie)
seine Beine aus dem Kolben heraus, sagt sich wieder: Das kann nicht sein. – Ja doch, es ist
richtig gemacht. Dabei erwacht er partiell, wiederholt sich den Traum, weil er ihn mir erzählen
will. Er fürchtet sich direkt vor der Auflösung des Traumes, ist während dieses Halbschlafes sehr
erregt und wiederholt sich beständig: Phenyl, Phenyl.
II) Er ist mit seiner ganzen Familie in ***ing, soll um ½
12 Uhr beim Rendezvous am Schottentor
mit jener gewissen Dame sein, wacht aber erst um ½ 12 Uhr auf. Er sagt sich: Es ist jetzt zu spät;
bis du hinkommst, ist es ½ 1 Uhr. Im nächsten Moment sieht er die ganze Familie um den Tisch
versammelt, besonders deutlich die Mutter und das Stubenmädchen mit dem Suppentopf. Er sagt
sich dann: Nun, wenn wir schon essen, kann ich ja nicht mehr fort.
analyse: Er ist sicher, daß schon der erste Traum eine Beziehung zur Dame seines Rendezvous
hat (der Traum ist in der Nacht vor der erwarteten Zusammenkunft geträumt). Der Student, dem
er die Auskunft gab, ist ein besonders ekelhafter Kerl; er sagte ihm: Das ist nicht das Richtige,
weil das Magnesium noch ganz unberührt war, und jener antwortete, als ob ihm gar nichts daran
läge: Das ist halt nicht das Richtige. Dieser Student muß er selbst sein – er ist so gleichgültig
gegen seine Analyse, wie jener für seine Synthese –, das Er im Traume, das die Operation
vollzieht, aber ich. Wie ekelhaft muß er mir mit seiner Gleichgültigkeit gegen den Erfolg
erscheinen!
Anderseits ist er dasjenige, womit die Analyse (Synthese) gemacht wird. Es handelt sich um das
Gelingen der Kur. Die Beine im Traume erinnern an einen Eindruck von gestern abends. Er traf
in der Tanzstunde mit einer Dame zusammen, die er erobern will; er drückte sie so fest an sich,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin