Page - 601 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Onanieersatz, da ja auch in dem Volksspruch der Zahn und das männliche Genitale (Bub) in eine
gewisse Beziehung gebracht werden. Ich las also am Abend desselben Tages die betreffende
Stelle in der Traumdeutung nach und fand dort unter anderem die im folgenden wiedergegebenen
Ausführungen, deren Einfluß auf meinen Traum ebenso leicht zu erkennen ist wie die
Einwirkung der beiden vorgenannten Erlebnisse. Freud schreibt von den Zahnreizträumen, »daß
bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertätszeit die Triebkraft dieser Träume
abgebe«. Ferner: »Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typischen
Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den Zahn auszieht und ähnliches, durch die
gleiche Aufklärung verständlich werden. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der Zahnreiz zu
dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige Verlegung von unten nach
oben‹ (im vorliegenden Traume auch vom Unterkiefer in den Oberkiefer) ›aufmerksam, die im
Dienste der Sexualverdrängung steht und vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen
und Intentionen, die sich an den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an anderen
einwandfreien Körperstellen realisiert werden können«. »Aber ich muß auch auf einen anderen
im sprachlichen Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In unseren Landen existiert
eine unfeine Bezeichnung für den masturbatorischen Akt: sich einen ausreißen oder sich einen
herunterreißen«. Dieser Ausdruck war mir schon in früher Jugend als Bezeichnung für die
Onanie geläufig, und von hier aus wird der geübte Traumdeuter unschwer den Zugang zum
Kindheitsmaterial, das diesem Traume zugrunde liegen mag, finden. Ich erwähne nur noch, daß
die Leichtigkeit, mit der im Traum der Zahn, der sich nach dem Ziehen in einen oberen
Schneidezahn verwandelt, herausgeht, mich an einen Vorfall meiner Kinderzeit erinnert, wo ich
mir einen wackligen oberen Vorderzahn leicht und schmerzlos selbst ausriß. Dieses Ereignis, das
mir heute noch in allen Einzelheiten deutlich erinnerlich ist, fällt in dieselbe frühe Zeit, in die bei
mir die ersten bewußten Onanieversuche zurückgehen (Deckerinnerung).‹
›Der Hinweis Freuds auf eine Mitteilung von C. Jung, wonach die Zahnreizträume bei Frauen die
Bedeutung von Geburtsträumen haben (Traumdeutung, 2. Aufl., S. 194 Anm.), sowie der
Volksglaube von der Bedeutung des Zahnschmerzes bei Schwangeren haben die
Gegenüberstellung der weiblichen Bedeutung gegenüber der männlichen (Pubertät) im Traume
veranlaßt. Dazu erinnere ich mich eines früheren Traumes, wo mir, bald nachdem ich aus der
Behandlung eines Zahnarztes entlassen worden war, träumte, daß mir die eben eingesetzten
Goldkronen herausfielen, worüber ich mich wegen des bedeutenden Kostenaufwandes, den ich
damals noch nicht ganz verschmerzt hatte, im Traume sehr ärgerte. Dieser Traum wird mir jetzt
im Hinblick auf ein gewisses Erlebnis als Anpreisung der materiellen Vorzüge der Masturbation
gegenüber der in jeder Form ökonomisch nachteiligeren Objektliebe verständlich (Goldkronen),
und ich glaube, daß die Mitteilung jener Dame über die Bedeutung des Zahnschmerzes bei
Schwangeren diese Gedankengänge in mir wieder wachrief.‹
So weit die ohne weiteres einleuchtende und, wie ich glaube, auch einwandfreie Deutung des
Kollegen, der ich nichts hinzuzufügen habe als etwa den Hinweis auf den wahrscheinlichen Sinn
des zweiten Traumteiles, der über die Wortbrücken: Zahn-(ziehen-Zug; reißen-reisen) den allem
Anschein nach unter Schwierigkeiten vollzogenen Übergang des Träumers von der Masturbation
zum Geschlechtsverkehr (Tunnel, durch den die Züge in verschiedenen Richtungen hinein- und
herausfahren) sowie die Gefahren desselben (Schwangerschaft; Überzieher) darstellt.
Dagegen scheint mir der Fall theoretisch nach zwei Richtungen interessant. Erstens ist es
beweisend für den von Freud aufgedeckten Zusammenhang, daß die Ejakulation im Traume beim
Akt des Zahnziehens erfolgt. Sind wir doch genötigt, die Pollution, in welcher Form immer sie
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin