Page - 602 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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auftreten mag, als eine masturbatorische Befriedigung anzusehen, welche ohne Zuhilfenahme
mechanischer Reizungen zustande kommt. Dazu kommt, daß in diesem Falle die pollutionistische
Befriedigung nicht, wie sonst, an einem wenn auch nur imaginierten Objekt erfolgt, sondern
objektlos, wenn man so sagen darf, rein autoerotisch ist und höchstens einen leisen
homosexuellen Einschlag (Zahnarzt) erkennen läßt.
Der zweite Punkt, der mir der Hervorhebung wert erscheint, ist folgender: Es liegt der Einwand
nahe, daß die Freudsche Auffassung hier ganz überflüssigerweise geltend gemacht zu werden
suche, da doch die Erlebnisse des Vortages allein vollkommen hinreichen, uns den Inhalt des
Traumes verständlich zu machen. Der Besuch beim Zahnarzt, das Gespräch mit der Dame und
die Lektüre der Traumdeutung erklärten hinreichend, daß der auch nachts durch Zahnschmerzen
beunruhigte Schläfer diesen Traum produziere; wenn man durchaus wolle, sogar zur Beseitigung
des schlafstörenden Schmerzes (mittels der Vorstellung von der Entfernung des schmerzenden
Zahnes bei gleichzeitiger Übertönung der gefürchteten Schmerzempfindung durch Libido). Nun
wird man aber selbst bei den weitestgehenden Zugeständnissen in dieser Richtung die
Behauptung nicht ernsthaft vertreten wollen, daß die Lektüre der Freudschen Aufklärungen den
Zusammenhang von Zahnziehen und Masturbationsakt in dem Träumer hergestellt oder auch nur
wirksam gemacht haben könnte, wenn er nicht, wie der Träumer selbst eingestanden hat (›sich
einen ausreißen‹), längst vorgebildet gewesen wäre. Was vielmehr diesen Zusammenhang neben
dem Gespräch mit der Dame belebt haben mag, ergibt die spätere Mitteilung des Träumers, daß
er bei der Lektüre der Traumdeutung aus begreiflichen Gründen an diese typische Bedeutung der
Zahnreizträume nicht recht glauben mochte und den Wunsch hegte zu wissen, ob dies für alle
derartigen Träume zutreffe. Der Traum bestätigt ihm nun das wenigstens für seine eigene Person
und zeigt ihm so, warum er daran zweifeln mußte. Der Traum ist also auch in dieser Hinsicht die
Erfüllung eines Wunsches, nämlich sich von der Tragweite und der Haltbarkeit dieser Freudschen
Auffassung zu überzeugen.«
Zur zweiten Gruppe von typischen Träumen gehören die, in denen man fliegt oder schwebt, fällt,
schwimmt u.
dgl. Was bedeuten diese Träume? Das ist allgemein nicht zu sagen. Sie bedeuten,
wie wir hören werden, in jedem Falle etwas anderes, nur das Material an Sensationen, das sie
enthalten, stammt allemal aus derselben Quelle.
Aus den Auskünften, die man durch die Psychoanalysen erhält, muß man schließen, daß auch
diese Träume Eindrücke der Kinderzeit wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele
beziehen, die für das Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher Onkel hat nicht
schon ein Kind fliegen lassen, indem er, die Arme ausstreckend, durchs Zimmer mit ihm eilte,
oder Fallen mit ihm gespielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das Bein plötzlich
streckte oder es hochhob und plötzlich tat, als ob er ihm die Unterstützung entziehen wollte. Die
Kinder jauchzen dann und verlangen unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn etwas
Schreck und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich nach Jahren die Wiederholung im
Traume, lassen aber im Traume die Hände weg, die sie gehalten haben, so daß sie nun frei
schweben und fallen. Die Vorliebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie für Schaukeln und
Wippen ist bekannt; wenn sie dann gymnastische Kunststücke im Zirkus sehen, wird die
Erinnerung von neuem aufgefrischt. Bei manchen Knaben besteht dann der hysterische Anfall
nur aus Reproduktionen solcher Kunststücke, die sie mit großer Geschicklichkeit ausführen.
Nicht selten sind bei diesen an sich harmlosen Bewegungsspielen auch sexuelle Empfindungen
wachgerufen worden. Um es mit einem bei uns gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen
deckenden Worte zu sagen: es ist das »Hetzen« in der Kindheit, welches die Träume vom
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin