Page - 604 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Die Deutung der Träume vom Feuer gibt einem Verbot der Kinderstube recht, welches die
Kinder nicht »zündeln« heißt, damit sie nicht nächtlicherweile das Bett nässen sollen. Es liegt
nämlich auch ihnen die Reminiszenz an die Enuresis nocturna der Kinderjahre zugrunde. In dem
›Bruchstück einer Hysterie-Analyse‹ (1905 e) habe ich die vollständige Analyse und Synthese
eines solchen Feuertraumes im Zusammenhange mit der Krankengeschichte der Träumerin
gegeben und gezeigt, zur Darstellung welcher Regungen reiferer Jahre sich dieses infantile
Material verwenden läßt.
Man könnte noch eine ganze Anzahl von »typischen« Träumen anführen, wenn man darunter die
Tatsache der häufigen Wiederkehr des gleichen manifesten Trauminhalts bei verschiedenen
Träumern versteht, so z. B.: Die Träume vom Gehen durch enge Gassen, vom Gehen durch eine
ganze Flucht von Zimmern, die Träume vom nächtlichen Räuber, dem auch die
Vorsichtsmaßregeln der Nervösen vor dem Schlafengehen gelten, die von Verfolgung durch
wilde Tiere (Stiere, Pferde) oder von Bedrohung mit Messern, Dolchen, Lanzen, die beide
letztere für den manifesten Trauminhalt von Angstleidenden charakteristisch sind, u.
dgl. Eine
Untersuchung, die sich speziell mit diesem Material beschäftigen würde, wäre sehr dankenswert.
Ich habe an ihrer Statt zwei Bemerkungen zu bieten, die sich aber nicht ausschließlich auf
typische Träume beziehen.
Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen beschäftigt, desto bereitwilliger muß man
anerkennen, daß die Mehrzahl der Träume Erwachsener sexuelles Material behandelt und
erotische Wünsche zum Ausdruck bringt. Nur wer wirklich Träume analysiert, d.
h. vom
manifesten Inhalt derselben zu den latenten Traumgedanken vordringt, kann sich ein Urteil
hierüber bilden, nie wer sich damit begnügt, den manifesten Inhalt zu registrieren (wie z.
B.
Näcke in seinen Arbeiten über sexuelle Träume). Stellen wir gleich fest, daß diese Tatsache uns
nichts Überraschendes bringt, sondern in voller Übereinstimmung mit unseren Grundsätzen der
Traumerklärung steht. Kein anderer Trieb hat seit der Kindheit so viel Unterdrückung erfahren
müssen wie der Sexualtrieb in seinen zahlreichen Komponenten[167], von keinem anderen
erübrigen so viele und so starke unbewußte Wünsche, die nun im Schlafzustande traumerzeugend
wirken. Man darf bei der Traumdeutung diese Bedeutung sexueller Komplexe niemals vergessen,
darf sie natürlich auch nicht zur Ausschließlichkeit übertreiben.
An vielen Träumen wird man bei sorgfältiger Deutung feststellen können, daß sie selbst bisexuell
zu verstehen sind, indem sie eine unabweisbare Überdeutung ergeben, in welcher sie
homosexuelle, d. h. der normalen Geschlechtsbetätigung der träumenden Person entgegengesetzte
Regungen realisieren. Daß aber alle Träume bisexuell zu deuten seien, wie W. Stekel[168] und
Alf. Adler[169] behaupten, scheint mir eine ebenso unbeweisbare wie unwahrscheinliche
Verallgemeinerung, welche ich nicht vertreten möchte. Ich wüßte vor allem den Augenschein
nicht wegzuschaffen, daß es zahlreiche Träume gibt, welche andere als – im weitesten Sinne –
erotische Bedürfnisse befriedigen, die Hunger- und Durstträume, Bequemlichkeitsträume usw.
Auch die ähnlichen Aufstellungen, »daß hinter jedem Traum die Todesklausel zu finden sei«
(Stekel), daß jeder Traum ein »Fortschreiten von der weiblichen zur männlichen Linie« erkennen
lasse (Adler), scheinen mir das Maß des in der Traumdeutung Zulässigen weit zu überschreiten. –
Die Behauptung, daß alle Träume eine sexuelle Deutung erfordern, gegen welche in der Literatur
unermüdlich polemisiert wird, ist meiner Traumdeutung fremd. Sie ist in sieben Auflagen dieses
Buches nicht zu finden und steht in greifbarem Widerspruch zu anderem Inhalt desselben.
Daß die auffällig harmlosen Träume durchwegs grobe erotische Wünsche verkörpern, haben wir
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin