Page - 607 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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das Kind das Wasser (eine doppelte Umkehrung). In der zweiten Hälfte verläßt ihr Gatte sie; in
den Traumgedanken verläßt sie ihren Gatten.« (Übersetzt von O. Rank.)
Einen weiteren Geburtstraum erzählt Abraham von einer jungen, ihrer ersten Entbindung
entgegensehenden Frau. Von einer Stelle des Fußbodens im Zimmer führt ein unterirdischer
Kanal direkt ins Wasser (Geburtsweg – Fruchtwasser). Sie hebt eine Klappe im Fußboden auf,
und sogleich erscheint ein in einen bräunlichen Pelz gekleidetes Geschöpf, das beinahe einem
Seehund gleicht. Dieses Wesen entpuppt sich als der jüngere Bruder der Träumerin, zu dem sie
von jeher in einem mütterlichen Verhältnisse gestanden hatte.
Rank hat an einer Reihe von Träumen gezeigt, daß die Geburtsträume sich derselben Symbolik
bedienen wie die Harnreizträume. Der erotische Reiz wird in ihnen als Harnreiz dargestellt; die
Schichtung der Bedeutung in diesen Träumen entspricht einem Bedeutungswandel des Symbols
seit der Kindheit.
Wir dürfen hier auf das Thema zurückgreifen, das wir (S. 244) abgebrochen hatten, auf die Rolle
organischer, schlafstörender Reize für die Traumbildung. Träume, die unter diesen Einflüssen
zustande gekommen sind, zeigen uns nicht nur die Wunscherfüllungstendenz und den
Bequemlichkeitscharakter ganz offen, sondern sehr häufig auch eine völlig durchsichtige
Symbolik, da nicht selten ein Reiz zum Erwachen führt, dessen Befriedigung in symbolischer
Einkleidung im Traume bereits vergeblich versucht worden war. Dies gilt für die
Pollutionsträume wie für die durch Harn- und Stuhldrang ausgelösten. »Der eigentümliche
Charakter der Pollutionsträume gestattet uns nicht nur, gewisse, bereits als typisch erkannte, aber
doch heftig bestrittene Sexualsymbole direkt zu entlarven, sondern vermag uns auch zu
überzeugen, daß manche scheinbar harmlose Traumsituation auch nur das symbolische Vorspiel
einer grob sexuellen Szene ist, die jedoch meistens nur in den relativ seltenen Pollutionsträumen
zu direkter Darstellung gelangt, während sie oft genug in einen Angsttraum umschlägt, der
gleichfalls zum Erwachen führt.«
Die Symbolik der Harnreizträume ist besonders durchsichtig und seit jeher erraten worden.
Schon Hippokrates vertrat die Auffassung, daß es eine Störung der Blase bedeutet, wenn man
von Fontänen und Brunnen träumt (H. Ellis). Scherner hat die Mannigfaltigkeit der
Harnreizsymbolik studiert und auch bereits behauptet, daß »der stärkere Harnreiz stets in die
Reizung der Geschlechtssphäre und deren symbolische Gebilde umschlägt … Der Harnreiztraum
ist oft der Repräsentant des Geschlechtstraumes zugleich.«
O. Rank, dessen Ausführungen in seiner Arbeit über die ›Symbolschichtung im Wecktraum‹ ich
hier gefolgt bin, hat es sehr wahrscheinlich gemacht, daß eine große Anzahl von
»Harnreizträumen« eigentlich durch sexuellen Reiz verursacht werden, der sich zunächst auf dem
Wege der Regression in der infantilen Form der Urethralerotik zu befriedigen sucht. Besonders
lehrreich sind dann jene Fälle, in denen der so hergestellte Harnreiz zum Erwachen und zur
Blasenentleerung führt, worauf aber trotzdem der Traum fortgesetzt wird und sein Bedürfnis nun
in unverhüllten erotischen Bildern äußert[173].
In ganz analoger Weise decken die Darmreizträume die dazugehörige Symbolik auf und
bestätigen dabei den auch völkerpsychologisch reichlich belegten Zusammenhang von Gold und
Kot[174]. »So träumt z.
B. eine Frau zur Zeit, da sie wegen einer Darmstörung in ärztlicher
Behandlung steht, von einem Schatzgräber, der in der Nähe einer kleinen Holzhütte, die wie ein
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin