Page - 611 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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die auf dem Kopfe standen und auf den Händen gingen.
4) Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem kurzen Traum, der fast an die Technik
eines Rebus erinnert. Sein Onkel gibt ihm im Automobil einen Kuß. Er fügt unmittelbar die
Deutung hinzu, die ich nie gefunden hätte, das heiße: Autoerotismus. Ein Scherz im Wachen hätte
ebenso lauten können.
5) Der Träumer zieht eine Frau hinter dem Bett hervor. Das heißt: Er gibt ihr den Vorzug.
6) Der Träumer sitzt als Offizier an einer Tafel dem Kaiser gegenüber: Er bringt sich in
Gegensatz zum Vater.
7) Der Träumer behandelt eine andere Person wegen eines Knochenbruches. Die Analyse erweist
diesen Bruch als Darstellung eines Ehebruches u. dgl.
8) Die Tageszeiten vertreten im Trauminhalt sehr häufig Lebenszeiten der Kindheit. So bedeutet
z. B. um ¼ 6 Uhr früh bei einem Träumer das Alter von 5 Jahren und 3 Monaten, den
bedeutungsvollen Zeitpunkt der Geburt eines jüngeren Bruders.
9) Eine andere Darstellung von Lebenszeiten im Traume: Eine Frau geht mit zwei kleinen
Mädchen, die 1
¼ Jahre auseinander sind. – Die Träumerin findet keine Familie ihrer
Bekanntschaft, für die das zuträfe. Sie deutet selbst, daß beide Kinder ihre eigene Person
darstellen und daß der Traum sie mahnt, die beiden traumatischen Ereignisse ihrer Kindheit seien
um soviel voneinander entfernt. (3
½ und 4 ¾ Jahre.)
10) Es ist nicht zu verwundern, daß Personen, die in psychoanalytischer Behandlung stehen,
häufig von dieser träumen und alle die Gedanken und Erwartungen, die sie erregt, im Traume
ausdrücken müssen. Das für die Kur gewählte Bild ist in der Regel das einer Fahrt, meist im
Automobil, als einem neuartigen und komplizierten Vehikel; im Hinweis auf die Schnelligkeit des
Automobils kommt dann der Spott des Behandelten auf seine Rechnung. Soll das »Unbewußte«
als Element der Wachgedanken im Traume Darstellung finden, so ersetzt es sich ganz
zweckmäßigerweise durch »unterirdische« Lokalitäten, die andere Male, ganz ohne Beziehung
zur analytischen Kur, den Frauenleib oder den Mutterleib bedeutet hatten. »Unten« im Traume
bezieht sich sehr häufig auf die Genitalien, das gegensätzliche »oben« auf Gesicht, Mund oder
Brust. Mit wilden Tieren symbolisiert die Traumarbeit in der Regel leidenschaftliche Triebe,
sowohl die des Träumers als auch die anderer Personen, vor denen der Träumer sich fürchtet, also
mit einer ganz geringfügigen Verschiebung die Personen selbst, welche die Träger dieser
Leidenschaften sind. Von hier ist es nicht weit zu der an den Totemismus anklingenden
Darstellung des gefürchteten Vaters durch böse Tiere, Hunde, wilde Pferde. Man könnte sagen,
die wilden Tiere dienen zur Darstellung der vom Ich gefürchteten, durch Verdrängung
bekämpften Libido. Auch die Neurose selbst, die »kranke Person«, wird oft vom Träumer
abgespalten und als selbständige Person im Traume veranschaulicht.
11) (H. Sachs, 1911.) »Aus der Traumdeutung wissen wir, daß die Traumarbeit verschiedene
Wege kennt, um ein Wort oder eine Redewendung sinnlich-anschaulich darzustellen. Sie kann
sich z. B. den Umstand, daß der darzustellende Ausdruck zweideutig ist, zunutze machen und,
den Doppelsinn als ›Weiche‹ benutzend, statt der ersten in den Traumgedanken vorkommenden
Bedeutung die zweite in den manifesten Trauminhalt aufnehmen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin