Page - 613 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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beschwerlich. Er ruft aus: Da will ich doch lieber… (in der Analyse ergänzt er, nach einer
Erinnerung an eine Pflegeperson: Steine klopfen). Hinter seinem Bett hängt eine Landkarte,
deren unterer Rand durch eine Holzleiste gespannt erhalten wird. Er reißt diese Leiste herunter,
indem er sie an beiden Enden packt, wobei sie aber nicht quer bricht, sondern in zwei
Längshälften zersplittert. Damit hat er sich erleichtert und auch die Geburt befördert.
Er deutet ohne Hilfe das Herunterreißen der Leiste als eine große »Leistung«, durch welche er
sich aus seiner unbehaglichen Situation (in der Kur) befreit, indem er sich aus seiner weiblichen
Einstellung herausreißt … Das absurde Detail, daß die Holzleiste nicht nur bricht, sondern der
Länge nach splittert, findet seine Erklärung, indem der Träumer erinnert, daß die Verdoppelung
im Verein mit der Zerstörung eine Anspielung auf die Kastration enthält. Der Traum stellt sehr
häufig die Kastration im trotzigen Wunschgegensatz durch das Vorhandensein von zwei
Penissymbolen dar. Die »Leiste« ist ja auch eine den Genitalien nahe liegende Körperregion. Er
fügt dann die Deutung zusammen, er überwinde die Kastrationsdrohung, welche ihn in die
weibliche Einstellung gebracht hat.
14) In einer von mir französisch durchgeführten Analyse ist ein Traum zu deuten, in dem ich als
Elefant erscheine. Ich muß natürlich fragen, wie ich zu dieser Darstellung komme. »Vous me
trompez«, antwortet der Träumer (trompe = Rüssel).
Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr sprödem Material, wie es etwa
Eigennamen sind, durch gezwungene Verwertung sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner
Träume hat mir der alte Brücke eine Aufgabe gestellt. Ich fertige ein Präparat an und klaube
etwas heraus, was wie zerknülltes Silberpapier aussieht. (Von diesem Traume noch später mehr.)
Der nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt: »Stanniol«, und nun weiß ich, daß ich den
Autornamen Stannius meine, den eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete
Abhandlung über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste wissenschaftliche Aufgabe, die
mir mein Lehrer gestellt, bezog sich wirklich auf das Nervensystem eines Fisches, des
Ammocoetes. Letzterer Name war im Bilderrätsel offenbar gar nicht zu gebrauchen.
Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit sonderbarem Inhalt einzuschalten, der
auch noch als Kindertraum bemerkenswert ist und sich durch die Analyse sehr leicht aufklärt.
Eine Dame erzählt: Ich kann mich erinnern, daß ich als Kind wiederholt geträumt habe, der liebe
Gott habe einen zugespitzten Papierhut auf dem Kopfe. Einen solchen Hut pflegte man mir
nämlich sehr oft bei Tische aufzusetzen, damit ich nicht auf die Teller der anderen Kinder
hinschauen könne, wieviel sie von dem betreffenden Gericht bekommen haben. Da ich gehört
habe, Gott sei allwissend, so bedeutet der Traum, ich wisse alles auch trotz des aufgesetzten
Hutes.
Worin die Traumarbeit besteht und wie sie mit ihrem Material, den Traumgedanken, umspringt,
läßt sich in lehrreicher Weise an den Zahlen und Rechnungen zeigen, die in Träumen
vorkommen. Geträumte Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als besonders verheißungsvoll.
Ich werde also einige Beispiele solcher Art aus meiner Sammlung heraussuchen.
I
Aus dem Traum einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Kur:
Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt ihr 3 fl. 65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin