Page - 614 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 614 -
Text of the Page - 614 -
aber: Was tust du? Es kostet ja nur 21 kr. Dieses Stückchen Traum war mir durch die
Verhältnisse der Träumerin ohne weitere Aufklärung ihrerseits verständlich. Die Dame war eine
Fremde, die ihre Tochter in einem Wiener Erziehungsinstitute untergebracht hatte und die meine
Behandlung fortsetzen konnte, solange ihre Tochter in Wien blieb. In drei Wochen war deren
Schuljahr zu Ende, und damit endete auch die Kur. Am Tage vor dem Traum hatte ihr die
Institutsvorsteherin nahegelegt, ob sie sich nicht entschließen könnte, das Kind noch ein weiteres
Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann offenbar bei sich diese Anregung dahin fortgesetzt, daß sie
in diesem Falle auch die Behandlung um ein Jahr verlängern könnte. Darauf bezieht sich nun der
Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen, die drei Wochen bis zum Abschluß des Schuljahres
und der Kur lassen sich ersetzen durch 21 Tage (wenngleich nicht ebenso viele
Behandlungsstunden). Die Zahlen, die in den Traumgedanken bei Zeiten standen, werden im
Traum Geldwerten beigesetzt, nicht ohne daß damit ein tieferer Sinn zum Ausdruck käme, denn
»Time is money«, Zeit hat Geldwert. 365 Kreuzer sind dann allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer. Die
Kleinheit der im Traum erscheinenden Summen ist offenkundige Wunscherfüllung; der Wunsch
hat die Kosten der Behandlung wie des Lehrjahres im Institut verkleinert.
II
Zu komplizierteren Beziehungen führen die Zahlen in einem anderen Traum. Eine junge, aber
schon seit einer Reihe von Jahren verheiratete Dame erfährt, daß eine ihr fast gleichalterige
Bekannte, Elise L., sich eben verlobt hat. Daraufhin träumt sie: Sie sitzt mit ihrem Manne im
Theater, eine Seite des Parketts ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr
Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber nur schlechte Sitze bekommen, 3 für 1 fl. 50 kr.,
und die konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch kein Unglück gewesen.
Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem eigentlich indifferenten Anlaß des Vortages. Ihre
Schwägerin hatte von ihrem Manne 150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt, sie
loszuwerden, indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken, daß 150 fl.
100mal mehr ist als 1 fl. 50 kr. Woher die 3, die bei den Theatersitzen steht? Dafür ergibt sich
nur die eine Anknüpfung, daß die Braut um ebensoviel Monate – drei – jünger ist als sie. Zur
Auflösung des Traumes führt dann die Erkundigung, was der Zug im Traum, daß eine Seite des
Parketts leer bleibt, bedeuten kann. Derselbe ist eine unveränderte Anspielung auf eine kleine
Begebenheit, die ihrem Manne guten Grund zur Neckerei gegeben hat. Sie hatte sich
vorgenommen, zu einer der angekündigten Theatervorstellungen der Woche zu gehen, und war
so vorsorglich, mehrere Tage vorher Karten zu nehmen, für die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen
hatte. Als sie dann ins Theater kamen, fanden sie, daß die eine Seite des Hauses fast leer war; sie
hätte es nicht nötig gehabt, sich so sehr zu beeilen.
Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen: »Ein Unsinn war es doch, so früh
zu heiraten, ich hätte es nicht nötig gehabt, mich so zu beeilen. An dem Beispiele der Elise L.
sehe ich, daß ich noch immer einen Mann bekommen hätte. Und zwar einen hundertmal besseren
(Mann, Schatz), wenn ich nur gewartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen der Schwägerin). Drei
solche Männer hätte ich für das Geld (die Mitgift) kaufen können!« Wir werden darauf
aufmerksam, daß in diesem Traum die Zahlen in weit höherem Grade Bedeutung und
Zusammenhang verändert haben als im vorher behandelten. Die Umwandlungs- und
Entstellungsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir so deuten, daß diese
Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein besonders hohes Maß von innerpsychischem
Widerstand zu überwinden hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß in diesem Traum ein
614
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin