Page - 625 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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bis morgens ¾ 8 Uhr dauert, bei der das Orchester von einem Turme aus dirigiert wird usw.
(siehe S. 337 ff.), will offenbar besagen: Das ist eine verdrehte Welt und eine verrückte
Gesellschaft. Wer’s verdient, den trifft es nicht, und wer sich nichts daraus macht, der hat’s,
womit sie ihr Schicksal im Vergleich zu dem ihrer Cousine meint. – Daß sich uns als Beispiele
für die Absurdität der Träume zunächst solche vom toten Vater dargeboten haben, ist auch
keineswegs ein Zufall. Hier finden sich die Bedingungen für die Schöpfung absurder Träume in
typischer Weise zusammen. Die Autorität, die dem Vater eigen ist, hat frühzeitig die Kritik des
Kindes hervorgerufen; die strengen Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind veranlaßt, zu
seiner Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters scharf zu achten; aber die Pietät, mit der die
Person des Vaters besonders nach seinem Tode für unser Denken umgeben ist, verschärft die
Zensur, welche die Äußerungen dieser Kritik vom Bewußtwerden abdrängt.
IV
Ein neuer absurder Traum vom toten Vater:
Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner Geburtsstadt, betreffend die Zahlungskosten
für eine Unterbringung im Spital im Jahre 1851, die wegen eines Anfalls bei mir notwendig war.
Ich mache mich darüber lustig, denn erstens war ich 1851 noch nicht am Leben, zweitens ist
mein Vater, auf den es sich beziehen kann, schon tot. Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf
dem Bette liegt, und erzähle es ihm. Zu meiner Überraschung erinnert er sich, daß er damals
1851 einmal betrunken war und eingesperrt oder verwahrt werden mußte. Es war, als er für das
Haus T… gearbeitet. Du hast also auch getrunken, frage ich. Bald darauf hast du geheiratet? Ich
rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, was mir als unmittelbar folgend vorkommt.
Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absurditäten zur Schau trägt, werden wir
nach den letzten Erörterungen nur als Zeichen einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen
Polemik in den Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer Verwunderung konstatieren wir
aber, daß in diesem Traum die Polemik offen betrieben und der Vater als diejenige Person
bezeichnet ist, die zum Ziele des Gespötts gemacht wird. Solche Offenheit scheint unseren
Voraussetzungen über die Zensur bei der Traumarbeit zu widersprechen. Zur Aufklärung dient
aber, daß hier der Vater nur eine vorgeschobene Person ist, während der Streit mit einer anderen
geführt wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung zum Vorschein kommt. Während
sonst der Traum von Auflehnung gegen andere Personen handelt, hinter denen sich der Vater
verbirgt, ist es hier umgekehrt; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer, und der
Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst geheiligten Person beschäftigen, weil dabei
ein sicheres Wissen mitspielt, daß er nicht in Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen
Sachverhalt aus der Veranlassung des Traums. Er erfolgte nämlich, nachdem ich gehört hatte, ein
älterer Kollege, dessen Urteil für unantastbar gilt, äußere sich abfällig und verwundert darüber,
daß einer meiner Patienten die psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon ins fünfte Jahr
fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin,
daß dieser Kollege eine Zeitlang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht mehr erfüllen
konnte (Zahlungskosten, Unterbringung im Spitale); und als unsere freundschaftlichen
Beziehungen sich zu lösen begannen, geriet ich in denselben Empfindungskonflikt, der im Falle
einer Mißhelligkeit zwischen Vater und Sohn durch die Rolle und die früheren Leistungen des
Vaters erzwungen wird. Die Traumgedanken wehren sich nun erbittert gegen den Vorwurf, daß
ich nicht schneller vorwärtskomme, der von der Behandlung dieses Patienten her sich dann auch
auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der das schneller machen kann? Weiß er nicht,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin