Page - 626 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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daß Zustände dieser Art sonst überhaupt unheilbar sind und lebenslange dauern? Was sind vier
bis fünf Jahre gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal wenn dem Kranken die Existenz
während der Behandlung so sehr erleichtert worden ist?
Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten Teile dadurch erzeugt, daß Sätze
aus verschiedenen Gebieten der Traumgedanken ohne vermittelnden Übergang aneinandergereiht
werden. So verläßt der Satz: Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer usw., das Thema, aus dem die
vorigen Sätze geholt sind, und reproduziert getreulich die Umstände, unter denen ich dem Vater
meine eigenmächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will mich also an die vornehme
Uneigennützigkeit mahnen, die der alte Mann damals bewies, und diese in Gegensatz zu dem
Benehmen eines anderen, einer neuen Person, bringen. Ich merke hier, daß der Traum darum den
Vater verspotten darf, weil dieser in den Traumgedanken in voller Anerkennung anderen als
Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Zensur, daß man von den unerlaubten Dingen
das, was unwahr ist, eher sagen darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert,
einmal betrunken und darum eingesperrt gewesen zu sein, enthält nichts mehr, was sich in der
Realität auf den Vater bezieht. Die von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der
große – Meynert, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung gefolgt bin und dessen Benehmen
gegen mich nach einer kurzen Periode der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug.
Der Traum erinnert mich an seine eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren einmal der
Gewohnheit gefrönt, sich mit Chloroform zu berauschen, und habe darum die Anstalt aufsuchen
müssen, und an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz vor seinem Ende. Ich hatte einen erbitterten
literarischen Streit mit ihm geführt in Sachen der männlichen Hysterie, die er leugnete, und als
ich ihn als Todkranken besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte er bei der
Beschreibung seiner Zustände und schloß mit den Worten: »Sie wissen, ich war immer einer der
schönsten Fälle von männlicher Hysterie.« So hatte er zu meiner Genugtuung und zu meinem
Erstaunen zugegeben, wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich aber in dieser
Szene des Traumes Meynert durch meinen Vater verdecken kann, hat seinen Grund nicht in einer
zwischen beiden Personen aufgefundenen Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig
zureichende Darstellung eines Konditionalsatzes in den Traumgedanken, der ausführlich lautet:
Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn eines Professors oder Hofrats, wäre, dann wäre ich
freilich rascher vorwärtsgekommen. Im Traume mache ich nun meinen Vater zum Hofrat und
Professor. Die gröbste und störendste Absurdität des Traumes liegt in der Behandlung der
Jahreszahl 1851, die mir von 1856 gar nicht verschieden vorkommt, als würde die Differenz von
fünf Jahren gar nichts bedeuten. Gerade das soll aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck
gebracht werden. Vier bis fünf Jahre, das ist der Zeitraum, während dessen ich die Unterstützung
des eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber auch die Zeit, während welcher ich meine Braut
auf die Heirat warten ließ, und durch ein zufälliges, von den Traumgedanken gern ausgenütztes
Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich jetzt meinen vertrautesten Patienten auf die
völlige Heilung warten lasse. »Was sind fünf Jahre?« fragen die Traumgedanken. »Das ist für
mich keine Zeit, das kommt nicht in Betracht. Ich habe Zeit genug vor mir, und wie jenes endlich
geworden ist, was Ihr auch nicht glauben wolltet, so werde ich auch dies zustande bringen.«
Außerdem aber ist die Zahl 51, vom Jahrhundert abgelöst, noch anders, und zwar im
gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt darum auch mehrmals im Traume vor. 51 ist das
Alter, in dem der Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich habe
sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren einige Tage vorher zum Professor ernannt
worden war.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin