Page - 628 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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noch heute den unsterblichen Goethe angreifen könnte, und indem ich vom Sterbejahre Goethes
an rechne, während ich den Paralytiker von seinem Geburtsjahr an rechnen ließ.
Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum von anderen als egoistischen
Regungen eingegeben wird. Somit muß ich rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache
meines Freundes zu der meinigen mache und mich an seine Stelle setze. Meine kritische
Überzeugung im Wachen reicht hiefür nicht aus. Nun spielt aber die Geschichte des 18jährigen
Kranken und die verschiedenartige Deutung seines Ausrufs »Natur« auf den Gegensatz an, in den
ich mich mit meiner Behauptung einer sexuellen Ätiologie für die Psychoneurosen zu den
meisten Ärzten gebracht habe. Ich kann mir sagen: So wie deinem Freunde, so wird es auch dir
mit der Kritik ergehen, ist dir zum Teil auch bereits so ergangen, und nun darf ich das »Er« in
den Traumgedanken durch ein »Wir« ersetzen. »Ja, ihr habt recht, wir zwei sind die Narren.«
Daß »mea res agitur«, daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen, unvergleichlich
schönen Aufsatzes von Goethe, denn der Vortrag dieses Aufsatzes in einer populären Vorlesung
war es, der mich schwankenden Abiturienten zum Studium der Naturwissenschaft drängte.
VI
Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen Traume, in dem mein Ich nicht
vorkommt, zu zeigen, daß er egoistisch ist. Ich erwähnte auf S. 273 einen kurzen Traum, daß
Professor M. sagt: »Mein Sohn, der Myop …«, und gab an, das sei nur ein Vortraum zu einem
anderen, in dem ich eine Rolle spiele. Hier ist der fehlende Haupttraum, der uns eine absurde und
unverständliche Wortbildung zur Aufklärung bietet: Wegen irgendwelcher Vorgänge in der Stadt
Rom ist es notwendig, die Kinder zu flüchten, was auch geschieht. Die Szene ist dann vor einem
Tore, Doppeltor nach antiker Art (die Porta Romana in Siena, wie ich noch im Traume weiß). Ich
sitze auf dem Rand eines Brunnens und bin sehr betrübt, weine fast. Eine weibliche Person –
Wärterin, Nonne – bringt die zwei Knaben heraus und übergibt sie dem Vater, der nicht ich bin.
Der ältere der beiden ist deutlich mein Ältester, das Gesicht des anderen sehe ich nicht; die
Frau, die den Knaben bringt, verlangt zum Abschied einen Kuß von ihm. Sie zeichnet sich durch
eine rote Nase aus. Der Knabe verweigert ihr den Kuß, sagt aber, ihr zum Abschied die Hand
reichend: Auf Geseres, und zu uns beiden (oder zu einem von uns): Auf Ungeseres. Ich habe die
Idee, daß letzteres einen Vorzug bedeutet.
Dieser Traum baut sich auf einem Knäuel von Gedanken auf, die durch ein im Theater
gesehenes Schauspiel Das neue Ghetto angeregt wurden. Die Judenfrage, die Sorge um die
Zukunft der Kinder, denen man ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie so zu erziehen,
daß sie freizügig werden können, sind in den zugehörigen Traumgedanken leicht zu erkennen.
»An den Wassern Babels saßen wir und weinten.« – Siena ist wie Rom durch seine schönen
Brunnen berühmt: für Rom muß ich im Traume (vgl. S. 205 f.) mir irgendeinen Ersatz aus
bekannten Örtlichkeiten suchen. Nahe der Porta Romana von Siena sahen wir ein großes, hell
erleuchtetes Haus. Wir erfuhren, daß es das Manicomio, die Irrenanstalt sei. Kurz vor dem
Traume hatte ich gehört, daß ein Glaubensgenosse seine mühselig erworbene Anstellung an einer
staatlichen Irrenanstalt hatte aufgeben müssen.
Unser Interesse erweckt die Rede: Auf Geseres, wo man nach der im Traume festgehaltenen
Situation erwarten mußte: Auf Wiedersehen, und ihr ganz sinnloser Gegensatz: Auf Ungeseres.
Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schriftgelehrten geholt habe, ein echt
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin