Page - 631 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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II
Ein ähnlicher Fall: Einer meiner Patienten hat einen Traum, der ihm interessant vorkommt, denn
er sagt sich unmittelbar nach dem Erwachen: Das muß ich dem Doktor erzählen. Der Traum wird
analysiert und ergibt die deutlichsten Anspielungen auf ein Verhältnis, das er während der
Behandlung begonnen und von dem er sich vorgenommen hatte, mir nichts zu erzählen[185].
III
Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung:
Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser und Gärten vorkommen, ins Spital. Dabei die
Idee, daß ich diese Gegend schon mehrmals im Traume gesehen habe. Ich kenne mich nicht sehr
gut aus; er zeigt mir einen Weg, der durch eine Ecke in eine Restauration führt (Saal, nicht
Garten); dort frage ich nach Frau Doni und höre, sie wohnt im Hintergrunde in einer kleinen
Kammer mit drei Kindern. Ich gehe hin und treffe schon vorher eine undeutliche Person mit
meinen zwei kleinen Mädchen, die ich dann mit mir nehme, nachdem ich eine Weile mit ihnen
gestanden bin. Eine Art Vorwurf gegen meine Frau, daß sie sie dort gelassen.
Beim Erwachen fühle ich dann große Befriedigung, die ich damit motiviere, daß ich jetzt aus der
Analyse erfahren werde, was es bedeutet: Ich habe schon davon geträumt[186]. Die Analyse lehrt
mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, daß die Befriedigung zum latenten Trauminhalt und
nicht zu einem Urteile über den Traum gehört. Es ist die Befriedigung darüber, daß ich in meiner
Ehe Kinder bekommen habe. P. ist eine Person, mit der ich ein Stück weit im Leben den gleichen
Weg gegangen bin, die mich dann sozial und materiell weit überholt hat, die aber in ihrer Ehe
kinderlos geblieben ist. Die beiden Anlässe des Traumes können den Beweis durch eine
vollständige Analyse ersetzen. Tags zuvor las ich in der Zeitung die Todesanzeige einer Frau
Dona A..y (woraus ich Doni mache), die im Kindbett gestorben; ich hörte von meiner Frau, daß
die Verstorbene von derselben Hebamme gepflegt worden sei wie sie selbst bei unseren beiden
Jüngsten. Der Name Dona war mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in einem
englischen Romane zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß des Traums ergibt sich aus dem
Datum desselben; es war die Nacht vor dem Geburtstage meines ältesten, wie es scheint,
dichterisch begabten Knaben.
IV
Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen aus dem absurden Traum, daß der Vater
nach seinem Tode eine politische Rolle bei den Magyaren gespielt, und motiviert sich durch die
Fortdauer der Empfindung, die den letzten Satz des Traumes begleitete: »Ich erinnere mich
daran, daß er auf dem Totenbett Garibaldi so ähnlich gesehen, und freue mich darüber, daß es
doch wahr geworden ist…« (Dazu eine vergessene Fortsetzung.) Aus der Analyse kann ich nun
einsetzen, was in diese Traumlücke gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten Knaben, dem
ich den Vornamen einer großen historischen Persönlichkeit gegeben habe, die mich in den
Knabenjahren, besonders seit meinem Aufenthalte in England, mächtig angezogen. Ich hatte das
Jahr der Erwartung über den Vorsatz, gerade diesen Namen zu verwenden, wenn es ein Sohn
würde, und begrüßte mit ihm hoch befriedigt schon den eben Geborenen. Es ist leicht zu merken,
wie die unterdrückte Größensucht des Vaters sich in seinen Gedanken auf die Kinder überträgt; ja
man wird gerne glauben, daß dies einer der Wege ist, auf denen die im Leben notwendig
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin