Page - 633 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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uns, die wir als das vierte der bei der Traumbildung beteiligten Momente später würdigen
werden.
VI
Ich suche nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den bereits mitgeteilten Träumen. In dem
absurden Traum von der Zuschrift des Gemeinderats frage ich: Bald darauf hast du geheiratet?
Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, was mir unmittelbar folgend vorkommt. Das kleidet sich
ganz in die Form einer Schlußfolge. Der Vater hat bald nach dem Anfall im Jahre 1851
geheiratet; ich bin ja der Älteste, 1856 geboren; also das stimmt. Wir wissen, daß dieser Schluß
durch die Wunscherfüllung verfälscht ist, daß der in den Traumgedanken herrschende Satz lautet:
vier oder fünf Jahre, das ist kein Zeitraum, das ist nicht zu rechnen. Aber jedes Stück dieser
Schlußfolge ist nach Inhalt wie nach Form aus den Traumgedanken anders zu determinieren: Es
ist der Patient, über dessen Geduld der Kollege sich beschwert, der unmittelbar nach Beendigung
der Kur zu heiraten gedenkt. Die Art, wie ich mit dem Vater im Traume verkehre, erinnert an ein
Verhör oder ein Examen, und damit an einen Universitätslehrer, der in der Inskriptionsstunde ein
vollständiges Nationale aufzunehmen pflegte: Geboren, wann? 1856. – Patre? Darauf sagte man
den Vornamen des Vaters mit lateinischer Endung, und wir Studenten nahmen an, der Hofrat
ziehe aus dem Vornamen des Vaters Schlüsse, die ihm der Vorname des Inskribierten nicht
jedesmal gestattet hätte. Somit wäre das Schlußziehen des Traumes nur die Wiederholung des
Schlußziehens, das als ein Stück Material in den Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus
etwas Neues. Wenn im Trauminhalte ein Schluß vorkommt, so kommt er ja sicherlich aus den
Traumgedanken; in diesen mag er aber enthalten sein als ein Stück des erinnerten Materials, oder
er kann als logisches Band eine Reihe von Traumgedanken miteinander verknüpfen. In jedem
Falle stellt der Schluß im Traume einen Schluß aus den Traumgedanken dar[187].
Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das Verhör des Professors reiht sich die
Erinnerung an den (zu meiner Zeit lateinisch abgefaßten) Index des Universitätsstudenten. Ferner
an meinen Studiengang. Die fünf Jahre, die für das medizinische Studium vorgesehen sind,
waren wiederum zu wenig für mich. Ich arbeitete unbekümmert in weitere Jahre hinein, und im
Kreise meiner Bekannten hielt man mich für verbummelt, zweifelte man, daß ich »fertig« werden
würde. Da entschloß ich mich schnell, meine Prüfungen zu machen, und wurde doch fertig: trotz
des Aufschubs. Eine neue Verstärkung der Traumgedanken, die ich meinen Kritikern trotzig
entgegenhalte. »Und wenn ihr es auch nicht glauben wollt, weil ich mir Zeit lasse; ich werde
doch fertig, ich komme doch zum Schluß. Es ist schon oft so gegangen.«
Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück einige Sätze, denen man den Charakter einer
Argumentation nicht gut absprechen kann. Und diese Argumentation ist nicht einmal absurd, sie
könnte ebensowohl dem wachen Denken angehören. Ich mache mich im Traume über die
Zuschrift des Gemeinderates lustig, denn erstens war ich 1851 noch nicht auf der Welt, zweitens
ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann, schon tot. Beides ist nicht nur an sich richtig,
sondern deckt sich auch völlig mit den wirklichen Argumenten, die ich im Falle einer derartigen
Zuschrift in Anwendung bringen würde. Wir wissen aus der früheren Analyse (S. 422 f.), daß
dieser Traum auf dem Boden von tief erbitterten und hohngetränkten Traumgedanken erwachsen
ist; wenn wir außerdem noch die Motive zur Zensur als recht starke annehmen dürfen, so werden
wir verstehen, daß die Traumarbeit eine tadellose Widerlegung einer unsinnigen Zumutung nach
dem in den Traumgedanken enthaltenen Vorbild zu schaffen allen Anlaß hat. Die Analyse zeigt
uns aber, daß der Traumarbeit hier doch keine freie Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin