Page - 635 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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auf Holzbänken liegen, die an den Wänden der Hütte waren, und wie zwei Kinder schlafend
neben ihnen. Als ob nicht die Bretter, sondern die Kinder den Übergang ermöglichen sollten. Ich
erwache mit Gedankenschreck.
Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der Ausgiebigkeit der Traumverdichtung
geholt hat, der wird sich leicht vorstellen können, welche Anzahl von Blättern die ausführliche
Analyse dieses Traumes einnehmen muß. Zum Glück für den Zusammenhang entlehne ich dem
Traume aber bloß das eine Beispiel für die Verwunderung im Traum, die sich in der Einschaltung
»sonderbar genug« kundgibt. Ich gehe auf den Anlaß des Traumes ein. Es ist ein Besuch jener
Dame Louise N., die auch im Traum der Arbeit assistiert. »Leih mir etwas zum Lesen.« Ich biete
ihr She von Rider Haggard an. »Ein sonderbares Buch, aber voll von verstecktem Sinn«, will ich
ihr auseinandersetzen; »das ewig Weibliche, die Unsterblichkeit unserer Affekte –« Da
unterbricht sie mich: »Das kenne ich schon. Hast du nichts Eigenes?« – »Nein, meine eigenen
unsterblichen Werke sind noch nicht geschrieben.« – »Also wann erscheinen denn deine
sogenannten letzten Aufklärungen, die, wie du versprichst, auch für uns lesbar sein werden?«
fragt sie etwas anzüglich. Ich merkte jetzt, daß mich ein anderer durch ihren Mund mahnen läßt,
und verstumme. Ich denke an die Überwindung, die es mich kostet, auch nur die Arbeit über den
Traum, in der ich soviel vom eigenen intimen Wesen preisgeben muß, in die Öffentlichkeit zu
schicken.
»Das Beste, was du wissen kannst,
darfst du den Buben doch nicht sagen.«
Die Präparation am eigenen Leib, die mir im Traume aufgetragen wird, ist also die mit der
Mitteilung der Träume verbundene Selbstanalyse. Der alte Brücke kommt mit Recht hiezu; schon
in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher Arbeit traf es sich, daß ich einen Fund liegenließ, bis
sein energischer Auftrag mich zur Veröffentlichung zwang. Die weiteren Gedanken aber, die sich
an die Unterredung mit Louise N. anspinnen, greifen zu tief, um bewußtzuwerden; sie erfahren
eine Ablenkung über das Material, das in mir nebstbei durch die Erwähnung der She von Rider
Haggard geweckt worden ist. Auf dieses Buch und auf ein zweites desselben Autors, Heart of the
world, geht das Urteil »sonderbar genug«, und zahlreiche Elemente des Traumes sind den beiden
phantastischen Romanen entnommen. Der sumpfige Boden, über den man getragen wird, der
Abgrund, der mittels der mitgebrachten Bretter zu überschreiten ist, stammen aus der She; die
Indianer, das Mädchen, das Holzhaus aus Heart of the world. In beiden Romanen ist eine Frau
die Führerin, in beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen, in She um einen
abenteuerlichen Weg ins Unentdeckte, kaum je Betretene. Die müden Beine sind nach einer
Notiz, die ich bei dem Traume finde, reale Sensation jener Tage gewesen. Wahrscheinlich
entsprach ihnen eine müde Stimmung und die zweifelnde Frage: Wie weit werden mich meine
Beine noch tragen? In der She endet das Abenteuer damit, daß die Führerin, anstatt sich und den
anderen die Unsterblichkeit zu holen, im geheimnisvollen Zentralfeuer den Tod findet. Eine
solche Angst hat sich unverkennbar in den Traumgedanken geregt. Das »Holzhaus« ist sicherlich
auch der Sarg, also das Grab. Aber in der Darstellung dieses unerwünschtesten aller Gedanken
durch eine Wunscherfüllung hat die Traumarbeit ihr Meisterstück geleistet. Ich war nämlich
schon einmal in einem Grab, aber es war ein ausgeräumtes Etruskergrab bei Orvieto, eine
schmale Kammer mit zwei Steinbänken an den Wänden, auf denen die Skelette von zwei
Erwachsenen gelagert waren. Genauso sieht das Innere des Holzhauses im Traum aus, nur ist
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin