Page - 636 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 636 -
Text of the Page - 636 -
Stein durch Holz ersetzt. Der Traum scheint zu sagen: »Wenn du schon im Grabe weilen sollst,
so sei es das Etruskergrab«, und mit dieser Unterschiebung verwandelt er die traurigste
Erwartung in eine recht erwünschte. Leider kann er, wie wir hören werden, nur die den Affekt
begleitende Vorstellung in ihr Gegenteil verkehren, nicht immer auch den Affekt selbst. So
wache ich denn mit »Gedankenschreck« auf, nachdem sich noch die Idee Darstellung erzwungen,
daß vielleicht die Kinder erreichen werden, was dem Vater versagt geblieben, eine neuerliche
Anspielung an den sonderbaren Roman, in dem die Identität einer Person durch eine
Generationsreihe von zweitausend Jahren festgehalten wird.
VIII
In dem Zusammenhang eines anderen Traumes findet sich gleichfalls ein Ausdruck der
Verwunderung über das im Traume Erlebte, aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit
hergeholten und beinahe geistreichen Erklärungsversuche, daß ich bloß seinetwegen den ganzen
Traum der Analyse unterwerfen müßte, auch wenn der Traum nicht noch zwei andere
Anziehungspunkte für unser Interesse besäße. Ich reise in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli auf
der Südbahnstrecke und höre im Schlaf: »Hollthurn, zehn Minuten« ausrufen. Ich denke sofort an
Holothurien – ein naturhistorisches Museum – daß hier ein Ort ist, wo sich tapfere Männer
erfolglos gegen die Übermacht ihres Landesherrn gewehrt haben. – Ja, die Gegenreformation in
Österreich! – Als ob es ein Ort in Steiermark oder Tirol wäre. Nun sehe ich undeutlich ein
kleines Museum, in dem die Reste oder Erwerbungen dieser Männer aufbewahrt werden. Ich
möchte aussteigen, verzögere es aber. Es stehen Weiber mit Obst auf dem Perron, sie kauern auf
dem Boden und halten die Körbe so einladend hin. – Ich habe gezögert aus Zweifel, ob wir noch
Zeit haben, und jetzt stehen wir noch immer. – Ich bin plötzlich in einem anderen Coupé, in dem
Leder und Sitze so schmal sind, daß man mit dem Rücken direkt an die Lehne stößt[190]. Ich
wundere mich darüber, aber ich kann ja im schlafenden Zustande umgestiegen sein. Mehrere
Leute, darunter ein englisches Geschwisterpaar; eine Reihe Bücher deutlich auf einem Gestell an
der Wand. Ich sehe »Wealth of nations«, »Matter and Motion« (von Maxwell), dick und in
braune Leinwand gebunden. Der Mann fragt die Schwester nach einem Buch von Schiller, ob sie
das vergessen hat. Es sind die Bücher bald wie die meinen, bald die der beiden. Ich möchte mich
da bestätigend oder unterstützend ins Gespräch mengen – – – Ich wache, am ganzen Körper
schwitzend, auf, weil alle Fenster geschlossen sind. Der Zug hält in Marburg.
Während der Niederschrift fällt mir ein Traumstück ein, das die Erinnerung übergehen wollte. Ich
sage dem Geschwisterpaare auf ein gewisses Werk: It is from…, korrigiere mich aber: It is by…
Der Mann bemerkt zur Schwester: Er hat es ja richtig gesagt.
Der Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich wohl unvollkommen geweckt haben
muß. Ich ersetze diesen Namen, der Marburg lautete, durch Hollthurn. Daß ich Marburg beim
ersten oder vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört habe, beweist die Erwähnung Schillers
im Traum, der ja in Marburg, wenngleich nicht im steirischen, geboren ist[191]. Nun reiste ich
diesmal, obwohl erster Klasse, unter sehr unangenehmen Verhältnissen. Der Zug war überfüllt, in
dem Coupé hatte ich einen Herrn und eine Dame angetroffen, die sehr vornehm schienen und
nicht die Lebensart besaßen oder es nicht der Mühe wert hielten, ihr Mißvergnügen über den
Eindringling irgendwie zu verbergen. Mein höflicher Gruß wurde nicht erwidert; obwohl Mann
und Frau nebeneinander saßen (gegen die Fahrtrichtung), beeilte sich die Frau doch, den Platz ihr
gegenüber am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirm zu belegen; die Türe wurde sofort
geschlossen, demonstrative Reden über das Öffnen der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah
636
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin