Page - 639 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 639 -
Text of the Page - 639 -
H
Die Affekte im Traume
Eine scharfsinnige Bemerkung von Stricker hat uns aufmerksam gemacht, daß die
Affektäußerungen des Traums nicht die geringschätzige Art der Erledigung gestatten, mit der wir
erwacht den Trauminhalt abzuschütteln pflegen: »Wenn ich mich im Traume vor Räubern
fürchte, so sind die Räuber zwar imaginär, aber die Furcht ist real«, und ebenso geht es, wenn ich
mich im Traume freue. Nach dem Zeugnis unserer Empfindung ist der im Traum erlebte Affekt
keineswegs minderwertig gegen den im Wachen erlebten von gleicher Intensität, und energischer
als mit seinem Vorstellungsinhalte erhebt der Traum mit seinem Affektinhalt den Anspruch,
unter die wirklichen Erlebnisse unserer Seele aufgenommen zu werden. Wir bringen diese
Einreihung nun im Wachen nicht zustande, weil wir einen Affekt nicht anders psychisch zu
würdigen verstehen als in der Verknüpfung mit einem Vorstellungsinhalt. Passen Affekt und
Vorstellung der Art und der Intensität nach nicht zueinander, so wird unser waches Urteil irre.
An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, daß Vorstellungsinhalte nicht die
Affektwirkung mit sich bringen, die wir als notwendig im wachen Denken erwarten würden.
Strümpell äußerte, im Traume seien die Vorstellungen von ihren psychischen Werten entblößt. Es
fehlt im Traume aber auch nicht am gegenteiligen Vorkommen, daß intensive Affektäußerung bei
einem Inhalte auftritt, der zur Entbindung von Affekt keinen Anlaß zu bieten scheint. Ich bin im
Traume in einer gräßlichen, gefahrvollen, ekelhaften Situation, verspüre aber dabei nichts von
Furcht oder Abscheu; hingegen entsetze ich mich andere Male über harmlose und freue mich
über kindische Dinge.
Dieses Rätsel des Traumes verschwindet uns so plötzlich und so vollständig wie vielleicht kein
anderes der Traumrätsel, wenn wir vom manifesten Trauminhalt zum latenten übergehen. Wir
werden mit seiner Erklärung nichts zu schaffen haben, denn es besteht nicht mehr. Die Analyse
lehrt uns, daß die Vorstellungsinhalte Verschiebungen und Ersetzungen erfahren haben, während
die Affekte unverrückt geblieben sind. Kein Wunder, daß der durch die Traumentstellung
veränderte Vorstellungsinhalt zum erhalten gebliebenen Affekt dann nicht mehr paßt; aber auch
keine Verwunderung mehr, wenn die Analyse den richtigen Inhalt an seine frühere Stelle
eingesetzt hat[192].
An einem psychischen Komplex, welcher die Beeinflussung der Widerstandszensur erfahren
hat, sind die Affekte der resistente Anteil, der uns allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung
geben kann. Deutlicher noch als beim Traum enthüllt sich dies Verhältnis bei den
Psychoneurosen. Der Affekt hat hier immer recht, wenigstens seiner Qualität nach; seine
Intensität ist ja durch Verschiebungen der neurotischen Aufmerksamkeit zu steigern. Wenn der
Hysteriker sich wundert, daß er sich vor einer Kleinigkeit so sehr fürchten muß, oder der Mann
mit Zwangsvorstellungen, daß ihm aus einer Nichtigkeit ein so peinlicher Vorwurf erwächst, so
gehen beide irre, indem sie den Vorstellungsinhalt – die Kleinigkeit oder die Nichtigkeit – für das
Wesentliche nehmen, und sie wehren sich erfolglos, indem sie diesen Vorstellungsinhalt zum
Ausgangspunkt ihrer Denkarbeit machen. Die Psychoanalyse zeigt ihnen dann den richtigen
Weg, indem sie im Gegenteile den Affekt als berechtigt anerkennt und die zu ihm gehörige,
durch eine Ersetzung verdrängte Vorstellung aufsucht. Voraussetzung ist dabei, daß
Affektentbindung und Vorstellungsinhalt nicht diejenige unauflösbare organische Einheit bilden,
als welche wir sie zu behandeln gewöhnt sind, sondern daß beide Stücke aneinandergelötet sein
639
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin