Page - 640 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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können, so daß sie durch Analyse voneinander lösbar sind. Die Traumdeutung zeigt, daß dies in
der Tat der Fall ist.
Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das scheinbare Ausbleiben des Affekts bei
einem Vorstellungsinhalte aufklärt, der Affektentbindung erzwingen sollte.
I
Sie sieht in einer Wüste drei Löwen, von denen einer lacht, fürchtet sich aber nicht vor ihnen.
Dann muß sie doch vor ihnen geflüchtet sein, denn sie will auf einen Baum klettern, findet aber
ihre Cousine, die französische Lehrerin ist, schon oben usw.
Dazu bringt die Analyse folgendes Material: Der indifferente Anlaß zum Traum ist ein Satz ihrer
englischen Aufgabe geworden: Die Mähne ist der Schmuck des Löwen. Ihr Vater trug einen
solchen Bart, der wie eine Mähne das Gesicht umrahmte. Ihre englische Sprachlehrerin heißt Miß
Lyons (lions = Löwen). Ein Bekannter hat ihr die Balladen von Loewe zugeschickt. Das sind also
die drei Löwen; warum sollte sie sich vor ihnen fürchten? – Sie hat eine Erzählung gelesen, in
welcher ein Neger, der die anderen zum Aufstand aufgehetzt, mit Bluthunden gejagt wird und zu
seiner Rettung auf einen Baum klettert. Dann folgen in übermütigster Stimmung
Erinnerungsbrocken wie die: Die Anweisung, wie man Löwen fängt, aus den Fliegenden
Blättern: Man nehme eine Wüste und siebe sie durch, dann bleiben die Löwen übrig. Ferner die
höchst lustige, aber nicht sehr anständige Anekdote von einem Beamten, der gefragt wird, warum
er sich denn nicht um die Gunst seines Chefs ausgiebiger bemühe, und der zur Antwort gibt, er
habe sich wohl bemüht, da hineinzukriechen, aber sein Vordermann war schon oben. Das ganze
Material wird verständlich, wenn man erfährt, daß die Dame am Traumtage den Besuch des
Vorgesetzten ihres Mannes empfangen hatte. Er war sehr höflich mit ihr, küßte ihr die Hand, und
sie fürchtete sich gar nicht vor ihm, obwohl er ein sehr »großes Tier« ist und in der Hauptstadt
ihres Landes die Rolle eines »Löwen der Gesellschaft« spielt. Dieser Löwe ist also vergleichbar
dem Löwen im Sommernachtstraum, der sich als Schnock, der Schreiner, demaskiert, und so sind
alle Traumlöwen, vor denen man sich nicht fürchtet.
II
Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens heran, das den kleinen Sohn der
Schwester als Leiche im Sarg liegen sah, dabei aber, wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz und
keine Trauer verspürte. Wir wissen aus der Analyse, warum nicht. Der Traum verhüllte nur ihren
Wunsch, den geliebten Mann wiederzusehen; der Affekt mußte auf den Wunsch abgestimmt sein
und nicht auf dessen Verhüllung. Es war also zur Trauer gar kein Anlaß.
In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affekt wenigstens noch in Verbindung mit jenem
Vorstellungsinhalte, welcher den zu ihm passenden ersetzt hat. In anderen geht die Auflockerung
des Komplexes weiter. Der Affekt erscheint völlig gelöst von seiner zugehörigen Vorstellung und
findet sich irgendwo anders im Traume untergebracht, wo er in die neue Anordnung der
Traumelemente hineinpaßt. Es ist dann ähnlich, wie wir’s bei den Urteilsakten des Traumes
erfahren haben. Findet sich in den Traumgedanken ein bedeutsamer Schluß, so enthält auch der
Traum einen solchen; aber der Schluß im Traume kann auf ein ganz anderes Material verschoben
sein. Nicht selten erfolgt diese Verschiebung nach dem Prinzip der Gegensätzlichkeit.
Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traumbeispiele, das ich der erschöpfendsten
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin