Page - 643 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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noch die wesentlichste Veränderung, die sie auf dem Wege von den Traumgedanken zum
manifesten Traum erleiden. Vergleicht man die Affekte in den Traumgedanken mit denen im
Traume, so wird eines sofort klar: Wo sich im Traume ein Affekt findet, da findet er sich auch in
den Traumgedanken, aber nicht umgekehrt. Der Traum ist im allgemeinen affektärmer als das
psychische Material, aus dessen Bearbeitung er hervorgegangen ist. Wenn ich die
Traumgedanken rekonstruiert habe, so übersehe ich, wie in ihnen regelmäßig die intensivsten
Seelenregungen nach Geltung ringen, zumeist im Kampfe mit anderen, die ihnen scharf
zuwiderlaufen. Blicke ich dann auf den Traum zurück, so finde ich ihn nicht selten farblos, ohne
jeden intensiveren Gefühlston. Es ist durch die Traumarbeit nicht bloß der Inhalt, sondern auch
oft der Gefühlston meines Denkens auf das Niveau des Indifferenten gebracht. Ich könnte sagen,
durch die Traumarbeit wird eine Unterdrückung der Affekte zustande gebracht. Man nehme z. B.
den Traum von der botanischen Monographie. Ihm entspricht im Denken ein leidenschaftlich
bewegtes Plaidoyer für meine Freiheit, so zu handeln, wie ich handle, mein Leben so
einzurichten, wie es mir einzig und allein richtig scheint. Der daraus hervorgegangene Traum
klingt gleichgültig: Ich habe eine Monographie geschrieben, sie liegt vor mir, ist mit farbigen
Tafeln versehen, getrocknete Pflanzen sind jedem Exemplare beigelegt. Es ist wie die Ruhe eines
Leichenfeldes; man verspürt nichts mehr vom Toben der Schlacht.
Es kann auch anders ausfallen, in den Traum selbst können lebhafte Affektäußerungen
eingehen; aber wir wollen zunächst bei der unbestreitbaren Tatsache verweilen, daß so viele
Träume indifferent erscheinen, während man sich in die Traumgedanken nie ohne tiefe
Ergriffenheit versetzen kann.
Die volle theoretische Aufklärung dieser Affektunterdrückung während der Traumarbeit ist hier
nicht zu geben; sie würde das sorgfältigste Eindringen in die Theorie der Affekte und in den
Mechanismus der Verdrängung voraussetzen. Ich will nur zwei Gedanken hier eine Erwähnung
gönnen. Die Affektentbindung bin ich – aus anderen Gründen – genötigt, mir als einen
zentrifugalen, gegen das Körperinnere gerichteten Vorgang vorzustellen, analog den motorischen
und sekretorischen Innervationsvorgängen. Wie nun im Schlafzustande die Aussendung
motorischer Impulse gegen die Außenwelt aufgehoben erscheint, so könnte auch die zentrifugale
Erweckung von Affekten durch das unbewußte Denken während des Schlafes erschwert sein. Die
Affektregungen, die während des Ablaufs der Traumgedanken zustande kommen, wären also an
und für sich schwache Regungen und darum die in den Traum gelangenden auch nicht stärker.
Nach diesem Gedankengange wäre die »Unterdrückung der Affekte« überhaupt kein Erfolg der
Traumarbeit, sondern eine Folge des Schlafzustandes. Es mag so sein, aber es kann unmöglich
alles sein. Wir müssen auch daran denken, daß jeder zusammengesetztere Traum sich auch als
das Kompromißergebnis eines Widerstreits psychischer Mächte enthüllt hat. Einerseits haben die
wunschbildenden Gedanken gegen den Widerspruch einer zensurierenden Instanz anzukämpfen,
anderseits haben wir oft gesehen, daß im unbewußten Denken selbst ein jeder Gedankenzug mit
seinem kontradiktorischen Gegenteil zusammengespannt war. Da alle diese Gedankenzüge
affektfähig sind, so werden wir im ganzen und großen kaum irregehen, wenn wir die
Affektunterdrückung auffassen als Folge der Hemmung, welche die Gegensätze gegeneinander
und die Zensur gegen die von ihr unterdrückten Strebungen übt. Die Affekthemmung wäre dann
der zweite Erfolg der Traumzensur, wie die Traumentstellung deren erster war.
Ich will ein Traumbeispiel einfügen, in dem der indifferente Empfindungston des Trauminhaltes
durch die Gegensätzlichkeit in den Traumgedanken aufgeklärt werden kann. Ich habe folgenden
kurzen Traum zu erzählen, den jeder Leser mit Ekel zur Kenntnis nehmen wird:
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin