Page - 646 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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bis er für die Traumbildung überwiegen kann. Im letzterwähnten Onkeltraum stammt der
zärtliche Gegenaffekt wahrscheinlich aus infantiler Quelle (wie die Fortsetzung des Traumes
nahelegt), denn das Verhältnis Onkel und Neffe ist durch die besondere Natur meiner frühesten
Kindererlebnisse (vgl. die Analyse S. 411 f.) bei mir die Quelle aller Freundschaften und alles
Hasses geworden.
Ein ausgezeichnetes Beispiel einer solchen Affektverkehrung gibt ein von Ferenczi berichteter
Traum (1916): »Ein älterer Herr wird bei Nacht von seiner Frau geweckt, die ängstlich darüber
wurde, daß er im Schlafe so laut und unbändig lachte. Der Mann erzählte später, folgenden
Traum gehabt zu haben: Ich lag in meinem Bette, ein bekannter Herr trat ein, ich wollte das Licht
aufdrehen, konnte es aber nicht, versuchte es immer wieder – vergebens. Daraufhin stieg meine
Frau aus dem Bette, um mir zu helfen, aber auch sie vermochte nichts auszurichten; weil sie sich
aber vor dem Herrn wegen ihres Negligés genierte, gab sie es schließlich auf und legte sich
wieder ins Bett; all dies war so komisch, daß ich darüber fürchterlich lachen mußte. Die Frau
sagte: ›Was lachst du, was lachst du?‹, ich aber lachte nur weiter, bis ich erwachte. – Tags
darauf war der Herr äußerst niedergeschlagen, hatte Kopfschmerzen – vom vielen Lachen, das
mich erschüttert hat, meinte er.
Analytisch betrachtet, schaut der Traum minder lustig aus. Der ›bekannte Herr‹, der eintritt, ist in
den latenten Traumgedanken das am Vortage geweckte Bild des Todes als des ›großen
Unbekannten‹. Der alte Herr, der an Arteriosklerose leidet, hatte am Vortage Grund, ans Sterben
zu denken. Das unbändige Lachen vertritt die Stelle des Weinens und Schluchzens bei der Idee,
daß er sterben muß. Es ist das Lebenslicht, das er nicht mehr aufdrehen kann. Dieser traurige
Gedanke mag sich an vor kurzem beabsichtigte, aber mißlungene Beischlafversuche angeknüpft
haben, bei denen ihm auch die Hilfe seiner Frau im Negligé nichts half; er merkte, daß es mit ihm
schon abwärts geht. Die Traumarbeit verstand es, die traurige Idee der Impotenz und des Sterbens
in eine komische Szene und das Schluchzen in Lachen umzuwandeln.«
Es gibt eine Klasse von Träumen, die auf die Bezeichnung als »heuchlerische« einen besonderen
Anspruch haben und die Theorie der Wunscherfüllung auf eine harte Probe stellen. Ich wurde auf
sie aufmerksam, als Frau Dr. M. Hilferding in der »Wiener Psychoanalytischen Vereinigung« den
im Nachstehenden abgedruckten Traumbericht Roseggers zur Diskussion brachte.
Rosegger (in Waldheimat, 2. Band) erzählt in der Geschichte ›Fremd gemacht‹ (S. 303): »Ich
erfreue mich sonst eines gesunden Schlummers, aber ich habe die Ruhe von so mancher Nacht
eingebüßt, ich habe neben meinem bescheidenen Studenten- und Literatendasein den Schatten
eines veritabeln Schneiderlebens durch die langen Jahre geschleppt, wie ein Gespenst, ohne
seiner loswerden zu können.
Es ist nicht wahr, daß ich mich tagsüber in Gedanken so häufig und lebhaft mit meiner
Vergangenheit beschäftigt hätte. Ein der Haut eines Philisters entsprungener Welt- und
Himmelsstürmer hat anderes zu tun. Aber auch an seine nächtlichen Träume wird der flotte
Bursche kaum gedacht haben; erst später, als ich gewohnt worden war, über alles nachzudenken,
oder auch, als sich der Philister in mir wieder ein wenig zu regen begann, fiel es mir auf, wieso
ich denn – wenn ich überhaupt träumte – allemal der Schneidergesell war und daß ich
solchergestalt schon so lange Zeit bei meinem Lehrmeister unentgeltlich in der Werkstatt
arbeitete. Ich war mir, wenn ich so neben ihm saß und nähte und bügelte, sehr wohl bewußt, daß
ich eigentlich nicht mehr dorthin gehöre, daß ich mich als Städter mit anderen Dingen zu
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin