Page - 657 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Phantasien hängen erst die hysterischen Symptome. Das häufige Vorkommen bewußter
Tagesphantasien bringt diese Bildungen unserer Kenntnis nahe; wie es aber bewußt solche
Phantasien gibt, so kommen überreichlich unbewußte vor, die wegen ihres Inhalts und ihrer
Abkunft vom verdrängten Material unbewußt bleiben müssen. Eine eingehendere Vertiefung in
die Charaktere dieser Tagesphantasien lehrt uns, mit wie gutem Rechte diesen Bildungen
derselbe Name zugefallen ist, den unsere nächtlichen Denkproduktionen tragen, der Name:
Träume. Sie haben einen wesentlichen Teil ihrer Eigenschaften mit den Nachtträumen gemein;
ihre Untersuchung hätte uns eigentlich den nächsten und besten Zugang zum Verständnis der
Nachtträume eröffnen können.
Wie die Träume sind sie Wunscherfüllungen; wie die Träume basieren sie zum guten Teil auf den
Eindrücken infantiler Erlebnisse; wie die Träume erfreuen sie sich eines gewissen Nachlasses der
Zensur für ihre Schöpfungen. Wenn man ihrem Aufbau nachspürt, so wird man inne, wie das
Wunschmotiv, das sich in ihrer Produktion betätigt, das Material, aus dem sie gebaut sind,
durcheinandergeworfen, umgeordnet und zu einem neuen Ganzen zusammengefügt hat. Sie
stehen zu den Kindheitserinnerungen, auf die sie zurückgehen, etwa in demselben Verhältnis wie
manche Barockpaläste Roms zu den antiken Ruinen, deren Quadern und Säulen das Material für
den Bau in modernen Formen hergegeben haben.
In der »sekundären Bearbeitung«, die wir unserem vierten traumbildenden Moment gegen den
Trauminhalt zugeschrieben haben, finden wir dieselbe Tätigkeit wieder, die sich bei der
Schöpfung der Tagträume ungehemmt von anderen Einflüssen äußern darf. Wir könnten ohne
weiteres sagen, dies unser viertes Moment sucht aus dem ihm dargebotenen Material etwas wie
einen Tagtraum zu gestalten. Wo aber ein solcher Tagtraum bereits im Zusammenhange der
Traumgedanken gebildet ist, da wird dieser Faktor der Traumarbeit sich seiner mit Vorliebe
bemächtigen und dahin wirken, daß er in den Trauminhalt gelange. Es gibt solche Träume, die
nur in der Wiederholung einer Tagesphantasie, einer vielleicht unbewußt gebliebenen, bestehen,
so z. B. der Traum des Knaben, daß er mit den Helden des Trojanischen Krieges im Streitwagen
fährt. In meinem Traume »Autodidasker« ist wenigstens das zweite Traumstück die getreue
Wiederholung einer an sich harmlosen Tagesphantasie über meinen Verkehr mit dem
Professor N. Es rührt aus der Komplikation der Bedingungen her, denen der Traum bei seinem
Entstehen zu genügen hat, daß häufiger die vorgefundene Phantasie nur ein Stück des Traumes
bildet oder daß nur ein Stück von ihr zum Trauminhalt hin durchdringt. Im ganzen wird dann die
Phantasie behandelt wie jeder andere Bestandteil des latenten Materials; sie ist aber oft im
Traume noch als Ganzes kenntlich. In meinen Träumen kommen oft Partien vor, die sich durch
einen von den übrigen verschiedenen Eindruck hervorheben. Sie erscheinen mir wie fließend,
besser zusammenhängend und dabei flüchtiger als andere Stücke desselben Traums; ich weiß,
dies sind unbewußte Phantasien, die im Zusammenhange in den Traum gelangen, aber ich habe
es nie erreicht, eine solche Phantasie zu fixieren. Im übrigen werden diese Phantasien wie alle
anderen Bestandteile der Traumgedanken zusammengeschoben, verdichtet, die eine durch die
andere überlagert u.
dgl.; es gibt aber Übergänge von dem Falle, wo sie fast unverändert den
Trauminhalt oder wenigstens die Traumfassade bilden dürfen, bis zu dem entgegengesetzten Fall,
wo sie nur durch eines ihrer Elemente oder eine entfernte Anspielung an ein solches im
Trauminhalt vertreten sind. Es bleibt offenbar auch für das Schicksal der Phantasien in den
Traumgedanken maßgebend, welche Vorteile sie gegen die Ansprüche der Zensur und des
Verdichtungszwanges zu bieten vermögen.
Bei meiner Auswahl von Beispielen für die Traumdeutung bin ich Träumen, in denen unbewußte
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin