Page - 658 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Phantasien eine erhebliche Rolle spielen, möglichst ausgewichen, weil die Einführung dieses
psychischen Elements weitläufige Erörterungen aus der Psychologie des unbewußten Denkens
erfordert hätte. Gänzlich umgehen kann ich jedoch die »Phantasie« auch in diesem
Zusammenhange nicht, da sie häufig voll in den Traum gelangt und noch häufiger deutlich durch
ihn durchschimmert. Ich will etwa noch einen Traum anführen, der aus zwei verschiedenen,
gegensätzlichen und einander an einzelnen Stellen deckenden Phantasien zusammengesetzt
erscheint, von denen die eine die oberflächliche ist, die andere gleichsam zur Deutung der
ersteren wird[198].
Der Traum lautet – es ist der einzige, über den ich keine sorgfältigen Aufzeichnungen besitze –
ungefähr so: Der Träumer – ein unverheirateter junger Mann – sitzt in seinem, richtig gesehenen,
Stammwirtshause; da erscheinen mehrere Personen, ihn abzuholen, darunter eine, die ihn
verhaften will. Er sagt zu seinen Tischgenossen: Ich zahle später, ich komme wieder zurück.
Aber die rufen hohnlächelnd: Das kennen wir schon, das sagt ein jeder. Ein Gast ruft ihm noch
nach: Da geht wieder einer dahin. Er wird dann in ein enges Lokal geführt, wo er eine
Frauensperson mit einem Kinde auf dem Arm findet. Einer seiner Begleiter sagt: Das ist der Herr
Müller. Ein Kommissär, oder sonst eine Amtsperson, blättert in einem Packe von Zetteln oder
Schriften und wiederholt dabei: Müller, Müller, Müller. Endlich stellt er an ihn eine Frage, die er
mit ja beantwortet. Er sieht sich dann nach der Frauensperson um und merkt, daß sie einen
großen Bart bekommen hat.
Die beiden Bestandteile sind hier leicht zu sondern. Das Oberflächliche ist eine
Verhaftungsphantasie, sie scheint uns von der Traumarbeit neu gebildet. Dahinter aber wird als
das Material, das von der Traumarbeit eine leichte Umformung erfahren hat, die Phantasie der
Verheiratung sichtbar, und die Züge, die beiden gemeinsam sein können, treten wieder wie bei
einer Galtonschen Mischphotographie besonders deutlich hervor. Das Versprechen des
bisherigen Junggesellen, seinen Platz am Stammtische wieder aufzusuchen, der Unglaube der
durch viele Erfahrungen gewitzigten Kneipgenossen, der Nachruf: Da geht (heiratet) wieder einer
dahin, das sind auch für die andere Deutung leicht verständliche Züge. Ebenso das Jawort, das
man der Amtsperson gibt. Das Blättern in einem Stoß von Papieren, wobei man denselben
Namen wiederholt, entspricht einem untergeordneten, aber gut kenntlichen Zug aus den
Hochzeitsfeierlichkeiten, dem Vorlesen der stoßweise angelangten Glückwunschtelegramme, die
ja alle auf denselben Namen lauten. In dem persönlichen Auftreten der Braut in diesem Traum
hat sogar die Heiratsphantasie den Sieg über die sie deckende Verhaftungsphantasie
davongetragen. Daß diese Braut am Ende einen Bart zur Schau trägt, konnte ich durch eine
Erkundigung – zu einer Analyse kam es nicht – aufklären. Der Träumer war tags zuvor mit einem
Freunde, der ebenso ehefeindlich ist wie er, über die Straße gegangen und hatte diesen Freund auf
eine brünette Schönheit aufmerksam gemacht, die ihnen entgegenkam. Der Freund aber hatte
bemerkt: Ja, wenn diese Frauen nur nicht mit den Jahren Bärte bekämen wie ihre Väter.
Natürlich fehlt es auch in diesem Traume nicht an Elementen, bei denen die Traumentstellung
tiefer gehende Arbeit verrichtet hat. So mag die Rede: »Ich werde später zahlen« auf das zu
befürchtende Benehmen des Schwiegervaters in betreff der Mitgift zielen. Offenbar halten den
Träumer allerlei Bedenken ab, sich mit Wohlgefallen der Heiratsphantasie hinzugeben. Eines
dieser Bedenken, daß man mit der Heirat seine Freiheit verliert, hat sich in der Umwandlung zu
einer Verhaftungsszene verkörpert.
Wenn wir nochmals darauf zurückkommen wollen, daß die Traumarbeit sich gerne einer fertig
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin