Page - 660 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Diese ganze, seit langem fertige Phantasie braucht aber während des Schlafes auch nicht
durchgemacht zu werden; es genügt, wenn sie sozusagen »angetupft« wird. Ich meine das
folgendermaßen: Wenn ein paar Takte angeschlagen werden und jemand wie im Don Juan dazu
sagt: Das ist aus Figaros Hochzeit von Mozart, so wogt es in mir mit einem Male von
Erinnerungen, aus denen sich im nächsten Moment nichts einzelnes zum Bewußtsein erheben
kann. Das Schlagwort dient als Einbruchsstation, von der aus ein Ganzes gleichzeitig in Erregung
versetzt wird. Nicht anders brauchte es im unbewußten Denken zu sein. Durch den Weckreiz
wird die psychische Station erregt, die den Zugang zur ganzen Guillotinenphantasie eröffnet.
Diese wird aber nicht noch im Schlaf durchlaufen, sondern erst in der Erinnerung des Erwachten.
Erwacht, erinnert man jetzt in ihren Einzelheiten die Phantasie, an die als Ganzes im Traum
gerührt wurde. Man hat dabei kein Mittel zur Versicherung, daß man wirklich etwas Geträumtes
erinnert. Man kann dieselbe Erklärung, daß es sich um fertige Phantasien handelt, die durch den
Weckreiz als Ganzes in Erregung gebracht werden, noch für andere auf den Weckreiz eingestellte
Träume verwenden, z. B. für den Schlachtentraum Napoleons vor der Explosion der
Höllenmaschine. Unter den Träumen, welche Justine Tobowolska in ihrer Dissertation über die
scheinbare Zeitdauer im Traume gesammelt hat, erscheint mir jener der beweisendste, den
Macario (1857) von einem Bühnendichter, Casimir Bonjour, berichtet[199]. Dieser Mann wollte
eines Abends der ersten Aufführung eines seiner Stücke beiwohnen, war aber so ermüdet, daß er
auf seinem Sitz hinter den Kulissen gerade in dem Momente einnickte, als sich der Vorhang hob.
In seinem Schlaf machte er nun alle fünf Akte seines Stückes durch und beobachtete alle die
verschiedenartigen Zeichen von Ergriffenheit, welche die Zuhörer bei den einzelnen Szenen
äußerten. Nach der Beendigung der Vorstellung hörte er dann ganz selig, wie sein Name unter
den lebhaftesten Beifallsbezeigungen verkündet wurde. Plötzlich wachte er auf. Er wollte weder
seinen Augen noch seinen Ohren trauen, die Vorstellung war nicht über die ersten Verse der
ersten Szene hinausgekommen; er konnte nicht länger als zwei Minuten geschlafen haben. Es ist
wohl nicht zu gewagt, für diesen Traum zu behaupten, daß das Durcharbeiten der fünf Akte des
Bühnenstücks und das Achten auf das Verhalten des Publikums bei den einzelnen Stellen keiner
Neuproduktion während des Schlafes zu entstammen braucht, sondern eine bereits vollzogene
Phantasiearbeit in dem angegebenen Sinne wiederholen kann. Die Tobowolska hebt mit anderen
Autoren als gemeinsame Charaktere der Träume mit beschleunigtem Vorstellungsablauf hervor,
daß sie besonders kohärent erscheinen, gar nicht wie andere Träume, und daß die Erinnerung an
sie weit eher eine summarische als eine detaillierte ist. Dies wären aber gerade die Kennzeichen,
welche solchen fertigen, durch die Traumarbeit angerührten Phantasien zukommen müßten, ein
Schluß, welchen die Autoren allerdings nicht ziehen. Ich will nicht behaupten, daß alle
Weckträume diese Erklärung zulassen oder daß das Problem des beschleunigten
Vorstellungsablaufs im Traume auf diese Weise überhaupt wegzuräumen ist.
Es ist unvermeidlich, daß man sich hier um das Verhältnis dieser sekundären Bearbeitung des
Trauminhalts zu den Faktoren der Traumarbeit bekümmere. Geht es etwa so vor sich, daß die
traumbildenden Faktoren, das Verdichtungsbestreben, der Zwang, der Zensur auszuweichen, und
die Rücksicht auf Darstellbarkeit in den psychischen Mitteln des Traumes, vorerst aus dem
Material einen vorläufigen Trauminhalt bilden und daß dieser dann nachträglich umgeformt wird,
bis er den Ansprüchen einer zweiten Instanz möglichst genügt? Dies ist kaum wahrscheinlich.
Man muß eher annehmen, daß die Anforderungen dieser Instanz von allem Anfang an eine der
Bedingungen abgeben, denen der Traum genügen soll, und daß diese Bedingung ebenso wie die
der Verdichtung, der Widerstandszensur und der Darstellbarkeit gleichzeitig auf das große
Material der Traumgedanken induzierend und auswählend einwirken. Unter den vier
Bedingungen der Traumbildung ist aber die letzterkannte jedenfalls die, deren Anforderungen für
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin