Page - 661 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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den Traum am wenigsten zwingend erscheinen. Die Identifizierung dieser psychischen Funktion,
welche die sogenannte sekundäre Bearbeitung des Trauminhaltes vornimmt, mit der Arbeit
unseres wachen Denkens ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit aus folgender Erwägung:
Unser waches (vorbewußtes) Denken benimmt sich gegen ein beliebiges Wahrnehmungsmaterial
ganz ebenso wie die in Frage stehende Funktion gegen den Trauminhalt. Es ist ihm natürlich, in
einem solchen Material Ordnung zu schaffen, Relationen herzustellen, es unter die Erwartung
eines intelligibeln Zusammenhangs zu bringen. Wir gehen darin eher zu weit; die Kunststücke
der Taschenspieler äffen uns, indem sie sich auf diese unsere intellektuelle Gewohnheit stützen.
In dem Bestreben, die gebotenen Sinneseindrücke verständlich zusammenzusetzen, begehen wir
oft die seltsamsten Irrtümer oder fälschen selbst die Wahrheit des uns vorliegenden Materials.
Die hieher gehörigen Beweise sind zu sehr allgemein bekannt, um breiter Anführung zu
bedürfen. Wir lesen über sinnstörende Druckfehler hinweg, indem wir das Richtige illusionieren.
Ein Redakteur eines vielgelesenen französischen Journals soll die Wette gewagt haben, er werde
in jeden Satz eines langen Artikels durch den Druck einschalten lassen, »von vorne« oder »von
hinten«, ohne daß einer der Leser es bemerken würde. Er gewann die Wette. Ein komisches
Beispiel von falschem Zusammenhange ist mir vor Jahren bei der Zeitungslektüre aufgefallen.
Nach jener Sitzung der französischen Kammer, in welcher Dupuy durch das beherzte Wort: »La
séance continue« den Schreck über das Platzen der von einem Anarchisten in den Saal
geworfenen Bombe aufhob, wurden die Besucher der Galerie als Zeugen über ihre Eindrücke von
dem Attentat vernommen. Unter ihnen befanden sich zwei Leute aus der Provinz, deren einer
erzählte, unmittelbar nach Schluß einer Rede habe er wohl eine Detonation vernommen, aber
gemeint, es sei im Parlament Sitte, jedesmal, wenn ein Redner geendigt, einen Schuß abzufeuern.
Der andere, der wahrscheinlich schon mehrere Redner angehört hatte, war in dasselbe Urteil
verfallen, jedoch mit der Abänderung, daß solches Schießen eine Anerkennung sei, die nur nach
besonders gelungenen Reden erfolge.
Es ist also wohl keine andere psychische Instanz als unser normales Denken, welche an den
Trauminhalt mit dem Anspruch herantritt, er müsse verständlich sein, ihn einer ersten Deutung
unterzieht und dadurch das volle Mißverständnis desselben herbeiführt. Für unsere Deutung
bleibt es Vorschrift, den scheinbaren Zusammenhang im Traum, als seiner Herkunft nach
verdächtig, in allen Fällen unbeachtet zu lassen und vom Klaren wie vom Verworrenen den
gleichen Weg des Rückgangs zum Traummaterial einzuschlagen.
Wir merken aber dabei, wovon die oben, S. 327 f., erwähnte Qualitätenskala der Träume von der
Verworrenheit bis zur Klarheit wesentlich abhängt. Klar erscheinen uns jene Traumpartien, an
denen die sekundäre Bearbeitung etwas ausrichten konnte, verworren jene anderen, wo die Kraft
dieser Leistung versagt hat. Da die verworrenen Traumpartien so häufig auch die minder lebhaft
ausgeprägten sind, so dürfen wir den Schluß ziehen, daß die sekundäre Traumarbeit auch für
einen Beitrag zur plastischen Intensität der einzelnen Traumgebilde verantwortlich zu machen ist.
Soll ich für die definitive Gestaltung des Traums, wie sie sich unter der Mitwirkung des normalen
Denkens ergibt, irgendwo ein Vergleichsobjekt suchen, so bietet sich mir kein anderes als jene
rätselhaften Inschriften, mit denen die Fliegenden Blätter so lange ihre Leser unterhalten haben.
Für einen gewissen Satz, des Kontrastes halber dem Dialekt angehörig und von möglichst
skurriler Bedeutung, soll die Erwartung erweckt werden, daß er eine lateinische Inschrift enthalte.
Zu diesem Zwecke werden die Buchstabenelemente der Worte aus ihrer Zusammenfügung zu
Silben gerissen und neu angeordnet. Hie und da kommt ein echt lateinisches Wort zustande, an
anderen Stellen glauben wir Abkürzungen solcher Worte vor uns zu haben, und an noch anderen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin