Page - 665 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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dessen wir fähig sind, gebildet; sie gehören unserem nicht bewußtgewordenen Denken an, aus
dem durch eine gewisse Umsetzung auch die bewußten Gedanken hervorgehen. So viel an ihnen
auch wissenswert und rätselhaft sein möge, diese Rätsel haben doch keine besondere Beziehung
zum Traume und verdienen nicht, unter den Traumproblemen behandelt zu werden[201]. Hingegen
ist jenes andere Stück Arbeit, welches die unbewußten Gedanken in den Trauminhalt verwandelt,
dem Traumleben eigentümlich und für dasselbe charakteristisch. Diese eigentliche Traumarbeit
entfernt sich nun von dem Vorbild des wachen Denkens viel weiter, als selbst die entschiedensten
Verkleinerer der psychischen Leistung bei der Traumbildung gemeint haben. Sie ist nicht etwa
nachlässiger, inkorrekter, vergeßlicher, unvollständiger als das wache Denken; sie ist etwas
davon qualitativ völlig Verschiedenes und darum zunächst nicht mit ihm vergleichbar. Sie denkt,
rechnet, urteilt überhaupt nicht, sondern sie beschränkt sich darauf umzuformen. Sie läßt sich
erschöpfend beschreiben, wenn man die Bedingungen ins Auge faßt, denen ihr Erzeugnis zu
genügen hat. Dieses Produkt, der Traum, soll vor allem der Zensur entzogen werden, und zu
diesem Zwecke bedient sich die Traumarbeit der Verschiebung der psychischen Intensitäten bis
zur Umwertung aller psychischen Werte; es sollen Gedanken ausschließlich oder vorwiegend in
dem Material visueller und akustischer Erinnerungsspuren wiedergegeben werden, und aus dieser
Anforderung erwächst für die Traumarbeit die Rücksicht auf Darstellbarkeit, der sie durch neue
Verschiebungen entspricht. Es sollen (wahrscheinlich) größere Intensitäten hergestellt werden,
als in den Traumgedanken nächtlich zur Verfügung stehen, und diesem Zwecke dient die
ausgiebige Verdichtung, die mit den Bestandteilen der Traumgedanken vorgenommen wird. Auf
die logischen Relationen des Gedankenmaterials entfällt wenig Rücksicht; sie finden schließlich
in formalen Eigentümlichkeiten der Träume eine versteckte Darstellung. Die Affekte der
Traumgedanken unterliegen geringeren Veränderungen als deren Vorstellungsinhalt. Sie werden
in der Regel unterdrückt; wo sie erhalten bleiben, von den Vorstellungen abgelöst und nach ihrer
Gleichartigkeit zusammengesetzt. Nur ein Stück der Traumarbeit, die in ihrem Ausmaß
inkonstante Überarbeitung durch das zum Teil geweckte Wachdenken, fügt sich etwa der
Auffassung, welche die Autoren für die gesamte Tätigkeit der Traumbildung geltend machen
wollten.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin