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VII Zur Psychologie der Traumvorgänge
Unter den Träumen, die ich durch Mitteilung von Seiten anderer erfahren habe, befindet sich
einer, der jetzt einen ganz besonderen Anspruch auf unsere Beachtung erhebt. Er ist mir von einer
Patientin erzählt worden, die ihn selbst in einer Vorlesung über den Traum kennengelernt hat;
seine eigentliche Quelle ist mir unbekannt geblieben. Jener Dame aber hat er durch seinen Inhalt
Eindruck gemacht, denn sie hat es nicht versäumt, ihn »nachzuträumen«, d.
h. Elemente des
Traums in einem eigenen Traum zu wiederholen, um durch diese Übertragung eine
Übereinstimmung in einem bestimmten Punkte auszudrücken.
Die Vorbedingungen dieses vorbildlichen Traumes sind folgende: Ein Vater hat tage- und
nächtelang am Krankenbett seines Kindes gewacht. Nachdem das Kind gestorben, begibt er sich
in einem Nebenzimmer zur Ruhe, läßt aber die Tür geöffnet, um aus seinem Schlafraum in jenen
zu blicken, worin die Leiche des Kindes aufgebahrt liegt, von großen Kerzen umstellt. Ein alter
Mann ist zur Wache bestellt worden und sitzt neben der Leiche, Gebete murmelnd. Nach einigen
Stunden Schlafs träumt der Vater, daß das Kind an seinem Bette steht, ihn am Arme faßt und ihm
vorwurfsvoll zuraunt: Vater, siehst du denn nicht, daß ich verbrenne? Er erwacht, merkt einen
hellen Lichtschein, der aus dem Leichenzimmer kommt, eilt hin, findet den greisen Wächter
eingeschlummert, die Hüllen und einen Arm der teuren Leiche verbrannt durch eine Kerze, die
brennend auf sie gefallen war.
Die Erklärung dieses rührenden Traumes ist einfach genug und wurde auch von dem
Vortragenden, wie meine Patientin erzählt, richtig gegeben. Der helle Lichtschein drang durch
die offenstehende Tür ins Auge des Schlafenden und regte denselben Schluß bei ihm an, den er
als Wachender gezogen hätte, es sei durch Umfallen einer Kerze ein Brand in der Nähe der
Leiche entstanden. Vielleicht hatte selbst der Vater die Besorgnis mit in den Schlaf
hinübergenommen, daß der greise Wächter seiner Aufgabe nicht gewachsen sein dürfte.
Auch wir finden an dieser Deutung nichts zu verändern, es sei denn, daß wir die Forderung
hinzufügten, der Inhalt des Traumes müsse überdeterminiert und die Rede des Kindes aus Reden
zusammengesetzt sein, die es im Leben wirklich geführt und die an dem Vater wichtige
Ereignisse anknüpfen. Etwa die Klage: Ich verbrenne, an das Fieber, in dem das Kind gestorben,
und die Worte: Vater, siehst du denn nicht? an eine andere uns unbekannte, aber affektreiche
Gelegenheit.
Nachdem wir aber den Traum als einen sinnvollen, in den Zusammenhang des psychischen
Geschehens einfügbaren Vorgang erkannt haben, werden wir uns verwundern dürfen, daß unter
solchen Verhältnissen überhaupt ein Traum zustande kam, wo das rascheste Erwachen geboten
war. Wir werden dann aufmerksam, daß auch dieser Traum einer Wunscherfüllung nicht
entbehrt. Im Traum benimmt sich das tote Kind wie ein lebendes, es mahnt selbst den Vater,
kommt an sein Bett und zieht ihn am Arm, wie es wahrscheinlich in jener Erinnerung tat, aus
welcher der Traum das erste Stück der Rede des Kindes geholt hat. Dieser Wunscherfüllung
zuliebe hat der Vater nun seinen Schlaf um einen Moment verlängert. Der Traum erhielt das
Vorrecht vor der Überlegung im Wachen, weil er das Kind noch einmal lebend zeigen konnte.
Wäre der Vater zuerst erwacht und hätte dann den Schluß gezogen, der ihn ins Leichenzimmer
führte, so hätte er gleichsam das Leben des Kindes um diesen einen Moment verkürzt.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin