Page - 671 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Lückenhaftigkeit des Traumes verbundene Einbuße an seiner Kenntnis. Alles, was das Vergessen
am Trauminhalt gekostet hat, kann man oft durch die Analyse wieder hereinbringen; wenigstens
in einer ganzen Anzahl von Fällen kann man von einem einzelnen stehengebliebenen Brocken
aus zwar nicht den Traum – aber an dem liegt ja auch nichts –, doch die Traumgedanken alle
auffinden. Es verlangt einen größeren Aufwand an Aufmerksamkeit und Selbstüberwindung bei
der Analyse; das ist alles, zeigt aber doch an, daß beim Vergessen des Traums eine feindselige
Absicht nicht gefehlt hat[205].
Einen überzeugenden Beweis für die tendenziöse, dem Widerstand dienende Natur des
Traumvergessens[206] gewinnt man bei den Analysen aus der Würdigung einer Vorstufe des
Vergessens. Es kommt gar nicht selten vor, daß mitten in der Deutungsarbeit plötzlich ein
ausgelassenes Stück des Traumes auftaucht, das als bisher vergessen bezeichnet wird. Dieser der
Vergessenheit entrissene Traumteil ist nun jedesmal der wichtigste; er liegt auf dem kürzesten
Wege zur Traumlösung und war darum dem Widerstande am meisten ausgesetzt. Unter den
Traumbeispielen, die ich in den Zusammenhang dieser Abhandlung eingestreut habe, trifft es sich
einmal, daß ich so ein Stück Trauminhalt nachträglich einzuschalten habe. Es ist dies ein
Reisetraum, der Rache nimmt an zwei unliebenswürdigen Reisegefährten, den ich wegen seines
zum Teil grob unflätigen Inhalts fast ungedeutet gelassen habe. Das ausgelassene Stück lautet:
Ich sage auf ein Buch von Schiller: It is from… Korrigiere mich aber, den Irrtum selbst
bemerkend: It is by… Der Mann bemerkt hierauf zu seiner Schwester: »Er hat es ja richtig
gesagt.«[207]
Die Selbstkorrektur im Traum, die manchen Autoren so wunderbar erschienen ist, verdient wohl
nicht, uns zu beschäftigen. Ich werde lieber für den Sprachirrtum im Traum das Vorbild aus
meiner Erinnerung aufzeigen. Ich war neunzehnjährig zum erstenmal in England und einen Tag
lang am Strande der Irish Sea. Ich schwelgte natürlich im Fang der von der Flut zurückgelassenen
Seetiere und beschäftigte mich gerade mit einem Seestern (der Traum beginnt mit:
Hollthurn-Holothurien), als ein reizendes kleines Mädchen zu mir trat und mich fragte: Is it a
star-fish? Is it alive? Ich antwortete: Yes he is alive, schämte mich aber dann der Inkorrektheit
und wiederholte den Satz richtig. An Stelle des Sprachfehlers, den ich damals begangen habe,
setzte nun der Traum einen anderen, in den der Deutsche ebenso leicht verfällt. »Das Buch ist
von Schiller«, soll man nicht mit from…, sondern mit by… übersetzen. Daß die Traumarbeit
diesen Ersatz vollzieht, weil from durch den Gleichklang mit dem deutschen Eigenschaftswort
fromm eine großartige Verdichtung ermöglicht, das nimmt uns nach allem, was wir von den
Absichten der Traumarbeit und von ihrer Rücksichtslosigkeit in der Wahl der Mittel gehört
haben, nicht mehr wunder. Was will aber die harmlose Erinnerung vom Meeresstrand im
Zusammenhang des Traums besagen? Sie erläutert an einem möglichst unschuldigen Beispiel,
daß ich das Geschlechtswort am unrechten Platz gebrauche, also das Geschlechtliche (he) dort
anbringe, wo es nicht hingehört. Dies ist allerdings einer der Schlüssel zur Lösung des Traumes.
Wer dann noch die Ableitung des Buchtitels »Matter and Motion« angehört hat (Molière im
Malade Imaginaire: La matiere est-elle laudable? – a motion of the bowels), der wird sich das
Fehlende leicht ergänzen können.
Ich kann übrigens den Beweis, daß das Vergessen des Traums zum großen Teil
Widerstandsleistung ist, durch eine Demonstratio ad oculos erledigen. Ein Patient erzählt, er habe
geträumt, aber den Traum spurlos vergessen; dann gilt er eben als nicht vorgefallen. Wir setzen
die Arbeit fort, ich stoße auf einen Widerstand, mache dem Kranken etwas klar, helfe ihm durch
Zureden und Drängen, sich mit irgendeinem unangenehmen Gedanken zu versöhnen, und kaum
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin