Page - 673 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Beispiele von solch verspäteter Traumdeutung mitteilen. Als ich diesen Versuch zum ersten Male
anstellte, leitete mich die berechtigte Erwartung, daß der Traum sich auch hierin nur verhalten
werde wie ein neurotisches Symptom. Wenn ich nämlich einen Psychoneurotiker, eine Hysterie
etwa, mittels Psychoanalyse behandle, so muß ich für die ersten, längst überwundenen Symptome
seines Leidens ebenso Aufklärung schaffen wie für die noch heute bestehenden, die ihn zu mir
geführt haben, und finde erstere Aufgabe nur leichter zu lösen als die heute dringende. Schon in
den 1895 publizierten Studien über Hysterie konnte ich die Aufklärung eines ersten hysterischen
Anfalles mitteilen, den die mehr als vierzigjährige Frau in ihrem fünfzehnten Lebensjahre gehabt
hatte[209].
In loserer Anreihung will ich hier noch einiges vorbringen, was ich über die Deutung der Träume
zu bemerken habe und was vielleicht den Leser orientieren wird, der mich durch Nacharbeit an
seinen eigenen Träumen kontrollieren will.
Es wird niemand erwarten dürfen, daß ihm die Deutung seiner Träume mühelos in den Schoß
falle. Schon zur Wahrnehmung endoptischer Phänomene und anderer für gewöhnlich der
Aufmerksamkeit entzogener Sensationen bedarf es der Übung, obwohl kein psychisches Motiv
sich gegen diese Gruppe von Wahrnehmungen sträubt. Es ist erheblich schwieriger, der
»ungewollten Vorstellungen« habhaft zu werden. Wer dies verlangt, wird sich mit den
Erwartungen erfüllen müssen, die in dieser Abhandlung regegemacht werden, und wird in
Befolgung der hier gegebenen Regeln jede Kritik, jede Voreingenommenheit, jede affektive oder
intellektuelle Parteinahme während der Arbeit bei sich niederzuhalten bestrebt sein. Er wird der
Vorschrift eingedenk bleiben, die Claude Bernard für den Experimentator im physiologischen
Laboratorium aufgestellt hat: Travailler comme une bête, d.
h. so ausdauernd, aber auch so
unbekümmert um das Ergebnis. Wer diese Ratschläge befolgt, der wird die Aufgabe allerdings
nicht mehr schwierig finden. Die Deutung eines Traumes vollzieht sich auch nicht immer in
einem Zuge; nicht selten fühlt man seine Leistungsfähigkeit erschöpft, wenn man einer
Verkettung von Einfällen gefolgt ist, der Traum sagt einem nichts mehr an diesem Tage; man tut
dann gut, abzubrechen und an einem nächsten zur Arbeit zurückzukehren. Dann lenkt ein anderes
Stück des Trauminhalts die Aufmerksamkeit auf sich, und man findet den Zugang zu einer neuen
Schicht von Traumgedanken. Man kann das die »fraktionierte« Traumdeutung heißen.
Am schwierigsten ist der Anfänger in der Traumdeutung zur Anerkennung der Tatsache zu
bewegen, daß seine Aufgabe nicht voll erledigt ist, wenn er eine vollständige Deutung des
Traums in Händen hat, die sinnreich, zusammenhängend ist und über alle Elemente des
Trauminhalts Auskunft gibt. Es kann außerdem eine andere, eine Überdeutung, desselben
Traumes möglich sein, die ihm entgangen ist. Es ist wirklich nicht leicht, sich von dem Reichtum
an unbewußten, nach Ausdruck ringenden Gedankengängen in unserem Denken eine Vorstellung
zu machen und an die Geschicklichkeit der Traumarbeit zu glauben, durch mehrdeutige
Ausdrucksweise jedesmal gleichsam sieben Fliegen mit einem Schlage zu treffen, wie der
Schneidergeselle im Märchen. Der Leser wird immer geneigt sein, dem Autor vorzuwerfen, daß
er seinen Witz überflüssig vergeude; wer sich selbst Erfahrung erworben hat, wird sich eines
Besseren belehrt finden.
Anderseits kann ich aber der Behauptung nicht beipflichten, die zuerst von H. Silberer aufgestellt
worden ist, daß jeder Traum – oder auch nur zahlreiche und gewisse Gruppen von Träumen –
zwei verschiedene Deutungen erfordern, die sogar in fester Beziehung zueinander stehen. Die
eine dieser Deutungen, die Silberer die psychoanalytische nennt, gibt dem Traume einen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin