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beliebigen, zumeist infantil-sexuellen Sinn; die andere, bedeutsamere, von ihm die anagogische
geheißen, zeigt die ernsthafteren, oft tiefsinnigen Gedanken auf, welche die Traumarbeit als Stoff
übernommen hat. Silberer hat diese Behauptung nicht durch Mitteilung einer Reihe von
Träumen, die er nach beiden Richtungen analysiert hätte, erwiesen. Ich muß dagegen einwenden,
daß eine solche Tatsache nicht besteht. Die meisten Träume verlangen doch keine Überdeutung
und sind insbesondere einer anagogischen Deutung nicht fähig. Die Mitwirkung einer Tendenz,
welche die grundlegenden Verhältnisse der Traumbildung verschleiern und das Interesse von
ihren Triebwurzeln ablenken möchte, ist bei der Silbererschen Theorie ebensowenig zu
verkennen wie bei anderen theoretischen Bemühungen der letzten Jahre. Für eine Anzahl von
Fällen konnte ich die Angaben von Silberer bestätigen; die Analyse zeigte mir dann, daß die
Traumarbeit die Aufgabe vorgefunden hatte, eine Reihe von sehr abstrakten und einer direkten
Darstellung unfähigen Gedanken aus dem Wachleben in einen Traum zu verwandeln. Sie suchte
diese Aufgabe zu lösen, indem sie sich eines anderen Gedankenmaterials bemächtigte, welches in
lockerer, oft allegorisch zu nennender Beziehung zu den abstrakten Gedanken stand und dabei
der Darstellung geringere Schwierigkeiten bereitete. Die abstrakte Deutung eines so entstandenen
Traumes wird vom Träumer unmittelbar gegeben; die richtige Deutung des unterschobenen
Materials muß mit den bekannten technischen Mitteln gesucht werden.
Die Frage, ob jeder Traum zur Deutung gebracht werden kann, ist mit Nein zu beantworten. Man
darf nicht vergessen, daß man bei der Deutungsarbeit die psychischen Mächte gegen sich hat,
welche die Entstellung des Traumes verschulden. Es wird so eine Frage des Kräfteverhältnisses,
ob man mit seinem intellektuellen Interesse, seiner Fähigkeit zur Selbstüberwindung, seinen
psychologischen Kenntnissen und seiner Übung in der Traumdeutung den inneren Widerständen
den Herrn zeigen kann. Ein Stück weit ist das immer möglich, so weit wenigstens, um die
Überzeugung zu gewinnen, daß der Traum eine sinnreiche Bildung ist, und meist auch, um eine
Ahnung dieses Sinns zu gewinnen. Recht häufig gestattet ein nächstfolgender Traum, die für den
ersten angenommene Deutung zu versichern und weiterzuführen. Eine ganze Reihe von Träumen,
die sich durch Wochen oder Monate zieht, ruht oft auf gemeinsamem Boden und ist dann im
Zusammenhange der Deutung zu unterwerfen. Von aufeinanderfolgenden Träumen kann man oft
merken, wie der eine zum Mittelpunkte nimmt, was in dem nächsten nur in der Peripherie
angedeutet wird, und umgekehrt, so daß die beiden einander auch zur Deutung ergänzen. Daß die
verschiedenen Träume derselben Nacht ganz allgemein von der Deutungsarbeit wie ein Ganzes
zu behandeln sind, habe ich bereits durch Beispiele erwiesen.
In den bestgedeuteten Träumen muß man oft eine Stelle im Dunkel lassen, weil man bei der
Deutung merkt, daß dort ein Knäuel von Traumgedanken anhebt, der sich nicht entwirren will,
aber auch zum Trauminhalt keine weiteren Beiträge geliefert hat. Dies ist dann der Nabel des
Traums, die Stelle, an der er dem Unerkannten aufsitzt. Die Traumgedanken, auf die man bei der
Deutung gerät, müssen ja ganz allgemein ohne Abschluß bleiben und nach allen Seiten hin in die
netzartige Verstrickung unserer Gedankenwelt auslaufen. Aus einer dichteren Stelle dieses
Geflechts erhebt sich dann der Traumwunsch wie der Pilz aus seinem Mycelium.
Wir kehren zu den Tatsachen des Traumvergessens zurück. Wir haben es nämlich versäumt,
einen wichtigen Schluß aus ihnen zu ziehen. Wenn das Wachleben die unverkennbare Absicht
zeigt, den Traum, der bei Nacht gebildet worden ist, zu vergessen, entweder als Ganzes
unmittelbar nach dem Erwachen oder stückweise im Laufe des Tages, und wenn wir als den
Hauptbeteiligten bei diesem Vergessen den seelischen Widerstand gegen den Traum erkennen,
der doch schon in der Nacht das Seinige gegen den Traum getan hat, so liegt die Frage nahe, was
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin