Page - 675 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 675 -
Text of the Page - 675 -
eigentlich gegen diesen Widerstand die Traumbildung überhaupt ermöglicht hat. Nehmen wir den
grellsten Fall, in dem das Wachleben den Traum wieder beseitigt, als ob er gar nicht vorgefallen
wäre. Wenn wir dabei das Spiel der psychischen Kräfte in Betracht ziehen, so müssen wir
aussagen, der Traum wäre überhaupt nicht zustande gekommen, wenn der Widerstand bei Nacht
gewaltet hätte wie bei Tag. Unser Schluß ist, daß dieser während der Nachtzeit einen Teil seiner
Macht eingebüßt hatte; wir wissen, er war nicht aufgehoben, denn wir haben seinen Anteil an der
Traumbildung in der Traumentstellung nachgewiesen. Aber die Möglichkeit drängt sich uns auf,
daß er des Nachts verringert war, daß durch diese Abnahme des Widerstands die Traumbildung
möglich wurde, und wir verstehen so leicht, daß er, mit dem Erwachen in seine volle Kraft
eingesetzt, sofort wieder beseitigt, was er, solange er schwach war, zulassen mußte. Die
beschreibende Psychologie lehrt uns ja, daß die Hauptbedingung der Traumbildung der
Schlafzustand der Seele ist; wir könnten nun die Erklärung hinzufügen: der Schlaf zustand
ermöglicht die Traumbildung, indem er die endopsychische Zensur herabsetzt.
Wir sind gewiß in Versuchung, diesen Schluß als den einzig möglichen aus den Tatsachen des
Traumvergessens anzusehen und weitere Folgerungen über die Energieverhältnisse des Schlafens
und des Wachens aus ihm zu entwickeln. Wir wollen aber vorläufig hierin innehalten. Wenn wir
uns in die Psychologie des Traums ein Stück weiter vertieft haben, werden wir erfahren, daß man
sich die Ermöglichung der Traumbildung auch noch anders vorstellen kann. Der Widerstand
gegen das Bewußtwerden der Traumgedanken kann vielleicht auch umgangen werden, ohne daß
er an sich eine Herabsetzung erfahren hätte. Es ist auch plausibel, daß beide der Traumbildung
günstigen Momente, die Herabsetzung sowie die Umgehung des Widerstandes, durch den
Schlafzustand gleichzeitig ermöglicht werden. Wir brechen hier ab, um nach einer Weile hier
fortzusetzen.
Es gibt eine andere Reihe von Einwendungen gegen unser Verfahren bei der Traumdeutung, um
die wir uns jetzt bekümmern müssen. Wir gehen ja so vor, daß wir alle sonst das Nachdenken
beherrschenden Zielvorstellungen fallenlassen, unsere Aufmerksamkeit auf ein einzelnes
Traumelement richten und dann notieren, was uns an ungewollten Gedanken zu demselben
einfällt. Dann greifen wir einen nächsten Bestandteil des Trauminhalts auf, wiederholen an ihm
dieselbe Arbeit und lassen uns, unbekümmert um die Richtung, nach der die Gedanken treiben,
von ihnen weiterführen, wobei wir – wie man zu sagen pflegt – vom Hundertsten ins Tausendste
geraten. Dabei hegen wir die zuversichtliche Erwartung, am Ende ganz ohne unser Dazutun auf
die Traumgedanken zu geraten, aus denen der Traum entstanden ist. Dagegen wird die Kritik nun
etwa folgendes einzuwenden haben: Daß man von einem einzelnen Element des Traumes
irgendwohin gelangt, ist nichts Wunderbares. An jede Vorstellung läßt sich assoziativ etwas
knüpfen; es ist nur merkwürdig, daß man bei diesem ziellosen und willkürlichen Gedankenablauf
gerade zu den Traumgedanken geraten soll. Wahrscheinlich ist das eine Selbsttäuschung; man
folgt der Assoziationskette von dem einen Elemente aus, bis man sie aus irgendeinem Grunde
abreißen merkt; wenn man dann ein zweites Element aufnimmt, so ist es nur natürlich, daß die
ursprüngliche Unbeschränktheit der Assoziation jetzt eine Einengung erfährt. Man hat die frühere
Gedankenkette noch in Erinnerung und wird darum bei der Analyse der zweiten
Traumvorstellung leichter auf einzelne Einfälle stoßen, die auch mit den Einfällen aus der ersten
Kette irgend etwas gemein haben. Dann bildet man sich ein, einen Gedanken gefunden zu haben,
der einen Knotenpunkt zwischen zwei Traumelementen darstellt. Da man sich sonst jede Freiheit
der Gedankenverbindung gestattet und eigentlich nur die Übergänge von einer Vorstellung zur
anderen ausschließt, die beim normalen Denken in Kraft treten, so wird es schließlich nicht
schwer, aus einer Reihe von »Zwischengedanken« etwas zusammenzubrauen, was man die
675
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin