Page - 676 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Traumgedanken benennt und ohne jede Gewähr, da diese sonst nicht bekannt sind, für den
psychischen Ersatz des Traumes ausgibt. Es ist aber alles Willkür und witzig erscheinende
Ausnützung des Zufalls dabei, und jeder, der sich dieser unnützen Mühe unterzieht, kann zu
einem beliebigen Traume auf diesem Wege eine ihm beliebige Deutung herausgrübeln.
Wenn uns solche Einwände wirklich vorgerückt werden, so können wir uns zur Abwehr auf den
Eindruck unserer Traumdeutungen berufen, auf die überraschenden Verbindungen mit anderen
Traumelementen, die sich während der Verfolgung der einzelnen Vorstellungen ergeben, und auf
die Unwahrscheinlichkeit, daß etwas, was den Traum so erschöpfend deckt und aufklärt wie eine
unserer Traumdeutungen, anders gewonnen werden könne, als indem man vorher hergestellten
psychischen Verbindungen nachfährt. Wir könnten auch zu unserer Rechtfertigung heranziehen,
daß das Verfahren bei der Traumdeutung identisch ist mit dem bei der Auflösung der
hysterischen Symptome, wo die Richtigkeit des Verfahrens durch das Auftauchen und
Schwinden der Symptome zu ihrer Stelle gewährleistet wird, wo also die Auslegung des Textes
an den eingeschalteten Illustrationen einen Anhalt findet. Wir haben aber keinen Grund, dem
Problem, wieso man durch Verfolgung einer sich willkürlich und ziellos weiterspinnenden
Gedankenkette zu einem präexistenten Ziele gelangen könne, aus dem Wege zu gehen, da wir
dieses Problem zwar nicht zu lösen, aber voll zu beseitigen vermögen.
Es ist nämlich nachweisbar unrichtig, daß wir uns einem ziellosen Vorstellungsablauf hingeben,
wenn wir, wie bei der Traumdeutungsarbeit, unser Nachdenken fallen- und die ungewollten
Vorstellungen auftauchen lassen. Es läßt sich zeigen, daß wir immer nur auf die uns bekannten
Zielvorstellungen verzichten können und daß mit dem Aufhören dieser sofort unbekannte – wie
wir ungenau sagen: unbewußte – Zielvorstellungen zur Macht kommen, die jetzt den Ablauf der
ungewollten Vorstellungen determiniert halten. Ein Denken ohne Zielvorstellungen läßt sich
durch unsere eigene Beeinflussung unseres Seelenlebens überhaupt nicht herstellen; es ist mir
aber auch unbekannt, in welchen Zuständen psychischer Zerrüttung es sich sonst herstellt[210]. Die
Psychiater haben hier viel zu früh auf die Festigkeit des psychischen Gefüges verzichtet. Ich
weiß, daß ein ungeregelter, der Zielvorstellungen entbehrender Gedankenablauf im Rahmen der
Hysterie und der Paranoia ebensowenig vorkommt wie bei der Bildung oder bei der Auflösung
der Träume. Er tritt vielleicht bei den endogenen psychischen Affektionen überhaupt nicht ein;
selbst die Delirien der Verworrenen sind nach einer geistreichen Vermutung von Leuret sinnvoll
und werden nur durch Auslassungen für uns unverständlich. Ich habe die nämliche Überzeugung
gewonnen, wo mir Gelegenheit zur Beobachtung geboten war. Die Delirien sind das Werk einer
Zensur, die sich keine Mühe mehr gibt, ihr Walten zu verbergen, die anstatt ihre Mitwirkung zu
einer nicht mehr anstößigen Umarbeitung zu leihen, rücksichtslos ausstreicht, wogegen sie
Einspruch erhebt, wodurch dann das Übriggelassene zusammenhanglos wird. Diese Zensur
verfährt ganz analog der russischen Zeitungszensur an der Grenze, welche ausländische Journale
nur von schwarzen Strichen durchsetzt in die Hände der zu behütenden Leser gelangen läßt.
Das freie Spiel der Vorstellungen nach beliebiger Assoziationsverkettung kommt vielleicht bei
destruktiven organischen Gehirnprozessen zum Vorschein; was bei den Psychoneurosen für
solches gehalten wird, läßt sich allemal durch Einwirkung der Zensur auf eine Gedankenreihe
aufklären, welche von verborgen gebliebenen Zielvorstellungen in den Vordergrund geschoben
wird[211]. Als ein untrügliches Zeichen der von Zielvorstellungen freien Assoziation hat man es
betrachtet, wenn die auftauchenden Vorstellungen (oder Bilder) untereinander durch die Bande
der sogenannten oberflächlichen Assoziation verknüpft erscheinen, also durch Assonanz,
Wortzweideutigkeit, zeitliches Zusammentreffen ohne innere Sinnbeziehung, durch alle die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin