Page - 677 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Assoziationen, die wir im Witz und beim Wortspiel zu verwerten uns gestatten. Dieses
Kennzeichen trifft für die Gedankenverbindungen, die uns von den Elementen des Trauminhalts
zu den Zwischengedanken und von diesen zu den eigentlichen Traumgedanken führen, zu; wir
haben bei vielen Traumanalysen Beispiele davon gefunden, die unser Befremden wecken
mußten. Keine Anknüpfung war da zu locker, kein Witz zu verwerflich, als daß er nicht die
Brücke von einem Gedanken zum andern hätte bilden dürfen. Aber das richtige Verständnis
solcher Nachsichtigkeit liegt nicht ferne. Jedesmal, wenn ein psychisches Element mit einem
anderen durch eine anstößige und oberflächliche Assoziation verbunden ist, existiert auch eine
korrekte und tiefergehende Verknüpfung zwischen den beiden, welche dem Widerstände der
Zensur unterliegt.
Druck der Zensur, nicht Aufhebung der Zielvorstellungen ist die richtige Begründung für das
Vorherrschen der oberflächlichen Assoziationen. Die oberflächlichen Assoziationen ersetzen in
der Darstellung die tiefen, wenn die Zensur diese normalen Verbindungswege ungangbar macht.
Es ist, wie wenn ein allgemeines Verkehrshindernis, z. B. eine Überschwemmung, im Gebirge
die großen und breiten Straßen unwegsam werden läßt; der Verkehr wird dann auf unbequemen
und steilen Fußpfaden aufrechterhalten, die sonst nur der Jäger begangen hatte.
Man kann hier zwei Fälle voneinander trennen, die im wesentlichen eins sind. Entweder die
Zensur richtet sich nur gegen den Zusammenhang zweier Gedanken, die, voneinander losgelöst,
dem Einspruch entgehen. Dann treten die beiden Gedanken nacheinander ins Bewußtsein; ihr
Zusammenhang bleibt verborgen; aber dafür fällt uns eine oberflächliche Verknüpfung zwischen
beiden ein, an die wir sonst nicht gedacht hätten und die in der Regel an einer anderen Ecke des
Vorstellungskomplexes ansetzt, als von welcher die unterdrückte, aber wesentliche Verbindung
ausgeht. Oder aber, beide Gedanken unterliegen an sich wegen ihres Inhalts der Zensur; dann
erscheinen beide nicht in der richtigen, sondern in modifizierter, ersetzter Form, und die beiden
Ersatzgedanken sind so gewählt, daß sie durch eine oberflächliche Assoziation die wesentliche
Verbindung wiedergeben, in der die von ihnen ersetzten stehen. Unter dem Druck der Zensur hat
hier in beiden Fällen eine Verschiebung stattgefunden von einer normalen, ernsthaften
Assoziation auf eine oberflächliche, absurd erscheinende.
Weil wir von diesen Verschiebungen wissen, vertrauen wir uns bei der Traumdeutung auch den
oberflächlichen Assoziationen ganz ohne Bedenken an[212].
Von den beiden Sätzen, daß mit dem Aufgeben der bewußten Zielvorstellungen die Herrschaft
über den Vorstellungsablauf an verborgene Zielvorstellungen übergeht und daß oberflächliche
Assoziationen nur ein Verschiebungsersatz sind für unterdrückte tiefer gehende, macht die
Psychoanalyse bei Neurosen den ausgiebigsten Gebrauch; ja, sie erhebt die beiden Sätze zu
Grundpfeilern ihrer Technik. Wenn ich einem Patienten auftrage, alles Nachdenken
fahrenzulassen und mir zu berichten, was immer ihm dann in den Sinn kommt, so halte ich die
Voraussetzung fest, daß er die Zielvorstellungen der Behandlung nicht fahrenlassen kann, und
halte mich für berechtigt zu folgern, daß das scheinbar Harmloseste und Willkürlichste, das er
mir berichtet, im Zusammenhang mit seinem Krankheitszustande steht. Eine andere
Zielvorstellung, von der dem Patienten nichts ahnt, ist die meiner Person. Die volle Würdigung
sowie der eingehende Nachweis der beiden Aufklärungen gehört demnach in die Darstellung der
psychoanalytischen Technik als therapeutischer Methode. Wir haben hier einen der Anschlüsse
erreicht, bei denen wir das Thema der Traumdeutung vorsätzlich fallenlassen[213].
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin