Page - 679 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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B
Die Regression
Nun aber, da wir uns gegen die Einwendungen verwahrt oder wenigstens angezeigt haben, wo
unsere Waffen zur Abwehr ruhen, dürfen wir es nicht länger verschieben, in die psychologischen
Untersuchungen einzutreten, für die wir uns längst gerüstet haben. Wir stellen die
Hauptergebnisse unserer bisherigen Untersuchung zusammen. Der Traum ist ein vollwichtiger
psychischer Akt; seine Triebkraft ist alle Male ein zu erfüllender Wunsch; seine Unkenntlichkeit
als Wunsch und seine vielen Sonderbarkeiten und Absurditäten rühren von dem Einfluß der
psychischen Zensur her, den er bei der Bildung erfahren hat; außer der Nötigung, sich dieser
Zensur zu entziehen, haben bei seiner Bildung mitgewirkt eine Nötigung zur Verdichtung des
psychischen Materials, eine Rücksicht auf Darstellbarkeit in Sinnesbildern und – wenn auch nicht
regelmäßig – eine Rücksicht auf ein rationelles und intelligibles Äußere des Traumgebildes. Von
jedem dieser Sätze führt der Weg weiter zu psychologischen Postulaten und Mutmaßungen; die
gegenseitige Beziehung des Wunschmotivs und der vier Bedingungen, sowie dieser
untereinander, ist zu untersuchen; der Traum ist in den Zusammenhang des Seelenlebens
einzureihen.
Wir haben einen Traum an die Spitze dieses Abschnittes gestellt, um uns an die Rätsel zu
mahnen, deren Lösung noch aussteht. Die Deutung dieses Traumes vom brennenden Kind
bereitete uns keine Schwierigkeiten, wenngleich sie nicht in unserem Sinne vollständig gegeben
war. Wir fragten uns, warum hier überhaupt geträumt wurde, anstatt zu erwachen, und erkannten
als das eine Motiv des Träumers den Wunsch, das Kind als lebend vorzustellen. Daß noch ein
anderer Wunsch dabei eine Rolle spielt, werden wir nach späteren Erörterungen einsehen können.
Zunächst also ist es die Wunscherfüllung, der zuliebe der Denkvorgang des Schlafens in einen
Traum verwandelt wurde.
Macht man diese rückgängig, so bleibt nur noch ein Charakter übrig, welcher die beiden Arten
des psychischen Geschehens voneinander scheidet. Der Traumgedanke hätte gelautet: Ich sehe
einen Schein aus dem Zimmer, in dem die Leiche liegt. Vielleicht ist eine Kerze umgefallen, und
das Kind brennt! Der Traum gibt das Resultat dieser Überlegung unverändert wieder, aber
dargestellt in einer Situation, die gegenwärtig und mit den Sinnen wie ein Erlebnis des Wachens
zu erfassen ist. Das ist aber der allgemeinste und auffälligste psychologische Charakter des
Träumens; ein Gedanke, in der Regel der gewünschte, wird im Traume objektiviert, als Szene
dargestellt oder, wie wir meinen, erlebt.
Wie soll man nun diese charakteristische Eigentümlichkeit der Traumarbeit erklären oder –
bescheidener ausgedrückt – in den Zusammenhang der psychischen Vorgänge einfügen?
Bei näherem Zusehen merkt man wohl, daß in der Erscheinungsform dieses Traumes zwei
voneinander fast unabhängige Charaktere ausgeprägt sind. Der eine ist die Darstellung als
gegenwärtige Situation mit Weglassung des »vielleicht«; der andere die Umsetzung des
Gedankens in visuelle Bilder und in Rede.
Die Umwandlung, welche die Traumgedanken dadurch erfahren, daß die in ihnen ausgedrückte
Erwartung ins Präsens gesetzt wird, scheint vielleicht gerade an diesem Traume nicht sehr
auffällig. Es hängt dies mit der besonderen, eigentlich nebensächlichen Rolle der
Wunscherfüllung in diesem Traume zusammen. Nehmen wir einen anderen Traum vor, in dem
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin