Page - 680 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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sich der Traumwunsch nicht von der Fortsetzung der Wachgedanken in den Schlaf absondert,
z. B. den von Irmas Injektion. Hier ist der zur Darstellung gelangende Traumgedanke ein Optativ:
Wenn doch der Otto an der Krankheit Irmas schuld sein möchte! Der Traum verdrängt den
Optativ und ersetzt ihn durch ein simples Präsens: Ja, Otto ist schuld an der Krankheit Irmas. Das
ist also die erste der Verwandlungen, die auch der entstellungsfreie Traum mit den
Traumgedanken vornimmt. Bei dieser ersten Eigentümlichkeit des Traumes werden wir uns nicht
lange aufhalten. Wir erledigen sie durch den Hinweis auf die bewußte Phantasie, auf den
Tagtraum, der mit seinem Vorstellungsinhalt ebenso verfährt. Wenn Daudets M. Joyeuse
beschäftigungslos durch die Straßen von Paris irrt, während seine Töchter glauben müssen, er
habe eine Anstellung und sitze in seinem Bureau, so träumt er von den Vorfällen, die ihm zur
Protektion und zu einer Anstellung verhelfen sollen, gleichfalls im Präsens. Der Traum gebraucht
also das Präsens in derselben Weise und mit demselben Rechte wie der Tagtraum. Das Präsens ist
die Zeitform, in welcher der Wunsch als erfüllt dargestellt wird.
Dem Traume allein zum Unterschiede vom Tagtraume eigentümlich ist aber der zweite
Charakter, daß der Vorstellungsinhalt nicht gedacht, sondern in sinnliche Bilder verwandelt wird,
denen man dann Glauben schenkt und die man zu erleben meint. Fügen wir gleich hinzu, daß
nicht alle Träume die Umwandlung von Vorstellung in Sinnesbild zeigen; es gibt Träume, die nur
aus Gedanken bestehen, denen man die Wesenheit der Träume darum doch nicht bestreiten wird.
Mein Traum: »Autodidasker – die Tagesphantasie mit Professor N.« ist ein solcher, in den sich
kaum mehr sinnliche Elemente einmengten, als wenn ich seinen Inhalt bei Tag gedacht hätte.
Auch gibt es in jedem längeren Traum Elemente, welche die Umwandlung ins Sinnliche nicht
mitgemacht haben, die einfach gedacht oder gewußt werden, wie wir es vom Wachen her
gewöhnt sind. Ferner wollen wir gleich hier daran denken, daß solche Verwandlung von
Vorstellungen in Sinnesbilder nicht dem Traume allein zukommt, sondern ebenso der
Halluzination, den Visionen, die etwa selbständig in der Gesundheit auftreten oder als Symptome
der Psychoneurosen. Kurz, die Beziehung, die wir hier untersuchen, ist nach keiner Richtung eine
ausschließliche; es bleibt aber bestehen, daß dieser Charakter des Traums, wo er vorkommt, uns
als der bemerkenswerteste erscheint, so daß wir ihn nicht aus dem Traumleben weggenommen
denken könnten. Sein Verständnis erfordert aber weit ausgreifende Erörterungen.
Unter allen Bemerkungen zur Theorie des Träumens, welche man bei den Autoren finden kann,
möchte ich eine als anknüpfenswert hervorheben. Der große G. Th. Fechner spricht in seiner
Psychophysik (1889, Bd. 2, 520 f.) im Zusammenhange einiger Erörterungen, die er dem Traume
widmet, die Vermutung aus, daß der Schauplatz der Träume ein anderer sei als der des wachen
Vorstellungslebens. Keine andere Annahme gestatte es, die besonderen Eigentümlichkeiten des
Traumlebens zu begreifen.
Die Idee, die uns so zur Verfügung gestellt wird, ist die einer psychischen Lokalität. Wir wollen
ganz beiseite lassen, daß der seelische Apparat, um den es sich hier handelt, uns auch als
anatomisches Präparat bekannt ist, und wollen der Versuchung sorgfältig aus dem Wege gehen,
die psychische Lokalität etwa anatomisch zu bestimmen. Wir bleiben auf psychologischem
Boden und gedenken nur der Aufforderung zu folgen, daß wir uns das Instrument, welches den
Seelenleistungen dient, vorstellen wie etwa ein zusammengesetztes Mikroskop, einen
photographischen Apparat u. dgl. Die psychische Lokalität entspricht dann einem Orte innerhalb
eines Apparats, an dem eine der Vorstufen des Bildes zustande kommt. Beim Mikroskop und
Fernrohr sind dies bekanntlich zum Teil ideelle Örtlichkeiten, Gegenden, in denen kein greifbarer
Bestandteil des Apparats gelegen ist. Für die Unvollkommenheiten dieser und aller ähnlichen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin