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rückverwandelt, aus dem sie irgendeinmal hervorgegangen ist. Auch dieser Schritt verlangt aber
Rechtfertigung. Wozu die Namengebung, wenn sie uns nichts Neues lehrt? Nun ich meine, der
Name »Regression« dient uns insoferne, als er die uns bekannte Tatsache an das Schema des mit
einer Richtung versehenen seelischen Apparats knüpft. An dieser Stelle verlohnt es sich aber zum
ersten Male, ein solches Schema aufgestellt zu haben. Denn eine andere Eigentümlichkeit der
Traumbildung wird uns ohne neue Überlegung allein mit Hilfe des Schemas einsichtig werden.
Wenn wir den Traumvorgang als eine Regression innerhalb des von uns angenommenen
seelischen Apparats ansehen, so erklärt sich uns ohne weiteres die empirisch festgestellte
Tatsache, daß alle Denkrelationen der Traumgedanken bei der Traumarbeit verlorengehen oder
nur mühseligen Ausdruck finden. Diese Denkrelationen sind nach unserem Schema nicht in den
ersten Er-Systemen, sondern in weiter nach vorn liegenden enthalten und müssen bei der
Regression bis auf die Wahrnehmungsbilder ihren Ausdruck einbüßen. Das Gefüge der
Traumgedanken wird bei der Regression in sein Rohmaterial aufgelöst.
Durch welche Veränderung wird aber die bei Tag unmögliche Regression ermöglicht? Hier
wollen wir es bei Vermutungen bewenden lassen. Es muß sich wohl um Veränderungen in den
Energiebesetzungen der einzelnen Systeme handeln, durch welche sie wegsamer oder
unwegsamer für den Ablauf der Erregung werden; aber in jedem derartigen Apparat könnte der
nämliche Effekt für den Weg der Erregung durch mehr als eine Art von solchen Abänderungen
zustande gebracht werden. Man denkt natürlich sofort an den Schlafzustand und an
Besetzungsänderungen, die er am sensiblen Ende des Apparats hervorruft. Bei Tag gibt es eine
kontinuierlich laufende Strömung von dem ψ-System der W her zur Motilität; diese hat bei Nacht
ein Ende und könnte einer Rückströmung der Erregung kein Hindernis mehr bereiten. Es wäre
dies die »Abschließung von der Außenwelt«, welche in der Theorie einiger Autoren die
psychologischen Charaktere des Traumes aufklären soll (vgl. S. 74 f.). Indes wird man bei der
Erklärung der Regression des Traums Rücksicht auf jene anderen Regressionen nehmen müssen,
die in krankhaften Wachzuständen zustande kommen. Bei diesen Formen läßt natürlich die eben
gegebene Auskunft im Stiche. Es kommt zur Regression trotz der ununterbrochenen sensiblen
Strömung in progredienter Richtung.
Für die Halluzinationen der Hysterie, der Paranoia, die Visionen geistesnormaler Personen kann
ich die Aufklärung geben, daß sie tatsächlich Regressionen entsprechen, d. h. in Bilder
verwandelte Gedanken sind, und daß nur solche Gedanken diese Verwandlung erfahren, welche
mit unterdrückten oder unbewußt gebliebenen Erinnerungen in intimem Zusammenhange stehen.
Zum Beispiel einer meiner jüngsten Hysteriker, ein zwölfjähriger Knabe, wird am Einschlafen
gehindert durch »grüne Gesichter mit roten Augen«, vor denen er sich entsetzt. Quelle dieser
Erscheinung ist die unterdrückte, aber einstens bewußte Erinnerung an einen Knaben, den er vor
vier Jahren oftmals sah und der ihm ein abschreckendes Bild vieler Kinderunarten bot, darunter
auch jener der Onanie, aus der er sich selbst jetzt einen nachträglichen Vorwurf macht. Die
Mama hatte damals bemerkt, daß der ungezogene Junge eine grünliche Gesichtsfarbe habe und
rote (d. h. rotgeränderte) Augen. Daher das Schreckgespenst, das übrigens nur dazu bestimmt ist,
ihn an eine andere Vorhersage der Mama zu erinnern, daß solche Jungen blödsinnig werden, in
der Schule nichts erlernen können und früh sterben. Unser kleiner Patient läßt den einen Teil der
Prophezeiung eintreffen; er kommt im Gymnasium nicht weiter und fürchtet sich, wie das Verhör
seiner ungewollten Einfälle zeigt, entsetzlich vor dem zweiten Teil. Die Behandlung hat
allerdings nach kurzer Zeit den Erfolg, daß er schläft, seine Ängstlichkeit verliert und sein
Schuljahr mit einem Vorzugszeugnis abschließt.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin