Page - 689 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Hier kann ich die Auflösung einer Vision anreihen, die mir eine vierzigjährige Hysterika aus
ihren gesunden Tagen erzählt hat. Eines Morgens schlägt sie die Augen auf und sieht ihren
Bruder im Zimmer, der sich doch, wie sie weiß, in der Irrenanstalt befindet. Ihr kleiner Sohn
schläft im Bette neben ihr. Damit das Kind nicht erschrickt und in Krämpfe verfällt, wenn es den
Onkel sieht, zieht sie die Bettdecke über dasselbe, und dann verschwindet die Erscheinung. Die
Vision ist die Umarbeitung einer Kindererinnerung der Dame, die zwar bewußt war, aber mit
allem unbewußten Material in ihrem Innern in intimster Beziehung stand. Ihre Kinderfrau hatte
ihr erzählt, daß die sehr früh verstorbene Mutter (sie selbst war zur Zeit des Todesfalles erst
eineinhalb Jahre alt) an epileptischen oder hysterischen Krämpfen gelitten hatte, und zwar seit
einem Schreck, den ihr der Bruder (der Onkel meiner Patientin) dadurch verursachte, daß er ihr
als Gespenst mit einer Bettdecke über dem Kopf erschien. Die Vision enthält dieselben Elemente
wie die Erinnerung: Die Erscheinung des Bruders, die Bettdecke, den Schreck und seine
Wirkung. Diese Elemente sind aber zu neuem Zusammenhange angeordnet und auf andere
Personen übertragen. Das offenkundige Motiv der Vision, der durch sie ersetzte Gedanke, ist die
Besorgnis, daß ihr kleiner Sohn, der seinem Onkel physisch so ähnlich war, das Schicksal
desselben teilen könnte.
Beide hier angeführten Beispiele sind nicht frei von aller Beziehung zum Schlafzustande und
darum vielleicht zu dem Beweise ungeeignet, für den ich sie brauche. Ich verweise also auf
meine Analyse einer halluzinierenden Paranoika[217] und auf die Ergebnisse meiner noch nicht
veröffentlichten Studien über die Psychologie der Psychoneurosen, um zu bekräftigen, daß man
in diesen Fällen von regredienter Gedankenverwandlung den Einfluß einer unterdrückten oder
unbewußt gebliebenen Erinnerung, meist einer infantilen, nicht übersehen darf. Diese Erinnerung
zieht gleichsam den mit ihr in Verbindung stehenden, an seinem Ausdruck durch die Zensur
verhinderten Gedanken in die Regression als in jene Form der Darstellung, in der sie selbst
psychisch vorhanden ist. Ich darf hier als ein Ergebnis der Studien über Hysterie anführen, daß
die infantilen Szenen (seien sie nun Erinnerungen oder Phantasien), wenn es gelingt, sie
bewußtzumachen, halluzinatorisch gesehen werden und erst beim Mitteilen diesen Charakter
abstreifen. Es ist auch bekannt, daß selbst bei Personen, die sonst im Erinnern nicht visuell sind,
die frühesten Kindererinnerungen den Charakter der sinnlichen Lebhaftigkeit bis in späte Jahre
bewahren.
Wenn man sich nun erinnert, welche Rolle in den Traumgedanken den infantilen Erlebnissen
oder den auf sie gegründeten Phantasien zufällt, wie häufig Stücke derselben im Trauminhalt
wiederauftauchen, wie die Traumwünsche selbst häufig aus ihnen abgeleitet sind, so wird man
auch für den Traum die Wahrscheinlichkeit nicht abweisen, daß die Verwandlung von Gedanken
in visuelle Bilder mit die Folge der Anziehung sein möge, welche die nach Neubelebung
strebende, visuell dargestellte Erinnerung auf den nach Ausdruck ringenden, vom Bewußtsein
abgeschnittenen Gedanken ausübt. Nach dieser Auffassung ließe sich der Traum auch
beschreiben als der durch Übertragung auf Rezentes veränderte Ersatz der infantilen Szene. Die
Infantilszene kann ihre Erneuerung nicht durchsetzen; sie muß sich mit der Wiederkehr als
Traum begnügen.
Der Hinweis auf die gewissermaßen vorbildliche Bedeutung der Infantilszenen (oder ihrer
phantastischen Wiederholungen) für den Trauminhalt macht eine der Annahmen Scherners und
seiner Anhänger über die inneren Reizquellen überflüssig. Scherner nimmt einen Zustand von
»Gesichtsreiz«, von innerer Erregung im Sehorgan an, wenn die Träume eine besondere
Lebhaftigkeit ihrer visuellen Elemente oder einen besonderen Reichtum an solchen erkennen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin