Page - 690 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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lassen. Wir brauchen uns gegen diese Annahme nicht zu sträuben, dürfen uns etwa damit
begnügen, einen solchen Erregungszustand bloß für das psychische Wahrnehmungssystem des
Sehorgans zu statuieren, werden aber geltend machen, daß dieser Erregungszustand ein durch die
Erinnerung hergestellter, die Auffrischung der seinerzeit aktuellen Seherregung ist. Ich habe aus
eigener Erfahrung kein gutes Beispiel für solchen Einfluß einer infantilen Erinnerung zur Hand;
meine Träume sind überhaupt weniger reich an sinnlichen Elementen, als ich die anderer
schätzen muß; aber in dem schönsten und lebhaftesten Traume dieser letzten Jahre wird es mir
leicht, die halluzinatorische Deutlichkeit des Trauminhalts auf sinnliche Qualitäten rezenter und
kürzlich erfolgter Eindrücke zurückzuführen. Ich habe auf S. 447
ff. einen Traum erwähnt, in
dem die tiefblaue Farbe des Wassers, die braune Farbe des Rauchs aus den Kaminen der Schiffe
und das düstere Braun und Rot der Bauwerke, die ich sah, mir einen tiefen Eindruck hinterließen.
Wenn irgendeiner, so mußte dieser Traum auf Gesichtsreiz gedeutet werden. Und was hatte mein
Sehorgan in diesen Reizzustand versetzt? Ein rezenter Eindruck, der sich mit einer Reihe früherer
zusammentat. Die Farben, die ich sah, waren zunächst die des Ankersteinbaukastens, mit dem die
Kinder am Tage vor meinem Traume ein großartiges Bauwerk aufgeführt hatten, um es meiner
Bewunderung zu zeigen. Da fanden sich das nämliche düstere Rot an den großen, das Blau und
Braun an den kleinen Steinen. Dazu gesellten sich die Farbeneindrücke der letzten italienischen
Reisen, das schöne Blau des Isonzo und der Lagune und das Braun des Karstes. Die
Farbenschönheit des Traums war nur eine Wiederholung der in der Erinnerung gesehenen.
Fassen wir zusammen, was wir über die Eigentümlichkeit des Traums, seinen Vorstellungsinhalt
in sinnliche Bilder umzugießen, erfahren haben. Wir haben diesen Charakter der Traumarbeit
nicht etwa erklärt, auf bekannte Gesetze der Psychologie zurückgeführt, sondern haben ihn als
auf unbekannte Verhältnisse hindeutend herausgegriffen und durch den Namen des
»regredierten« Charakters ausgezeichnet. Wir haben gemeint, diese Regression sei wohl überall,
wo sie vorkommt, eine Wirkung des Widerstands, der sich dem Vordringen des Gedankens zum
Bewußtsein auf dem normalen Wege entgegensetzt, sowie der gleichzeitigen Anziehung, welche
als sinnesstark vorhandene Erinnerungen auf ihn ausüben[218]. Beim Traume käme vielleicht zur
Erleichterung der Regression hiezu das Aufhören der progredienten Tagesströmung von den
Sinnesorganen, welches Hilfsmoment bei den anderen Formen von Regression durch
Verstärkung der anderen Regressionsmotive wettgemacht werden muß. Wir wollen auch nicht
vergessen, uns zu merken, daß bei diesen pathologischen Fällen von Regression wie im Traume
der Vorgang der Energieübertragung ein anderer sein dürfte als bei den Regressionen des
normalen seelischen Lebens, da durch ihn eine volle halluzinatorische Besetzung der
Wahrnehmungssysteme ermöglicht wird. Was wir bei der Analyse der Traumarbeit als die
»Rücksicht auf Darstellbarkeit« beschrieben haben, dürfte auf die auswählende Anziehung der
von den Traumgedanken berührten, visuell erinnerten Szenen zu beziehen sein.
Über die Regression wollen wir noch bemerken, daß sie in der Theorie der neurotischen
Symptombildung eine nicht minder wichtige Rolle wie in der des Traumes spielt. Wir
unterscheiden dann eine dreifache Art der Regression: a) eine topische im Sinne des hier
entwickelten Schemas der ψ-Systeme, b) eine zeitliche, insofern es sich um ein Rückgreifen auf
ältere psychische Bildungen handelt, und c) eine formale, wenn primitive Ausdrucks- und
Darstellungsweisen die gewohnten ersetzen. Alle drei Arten von Regression sind aber im Grunde
eines und treffen in den meisten Fällen zusammen, denn das zeitlich ältere ist zugleich das formal
primitive und in der psychischen Topik dem Wahrnehmungsende nähere.
Wir können auch das Thema der Regression im Traume nicht verlassen, ohne einem Eindruck
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin