Page - 692 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 692 -
Text of the Page - 692 -
C
Zur Wunscherfüllung
Der vorangestellte Traum vom brennenden Kinde gibt uns einen willkommenen Anlaß,
Schwierigkeiten, auf welche die Lehre von der Wunscherfüllung stößt, zu würdigen. Wir haben
es gewiß alle mit Befremden aufgenommen, daß der Traum nichts anderes als eine
Wunscherfüllung sein soll, und nicht etwa allein wegen des Widerspruchs, der vom Angsttraum
ausgeht. Nachdem uns die ersten Aufklärungen durch die Analyse belehrt hatten, hinter dem
Traum verberge sich Sinn und psychischer Wert, so wäre unsere Erwartung keineswegs auf eine
so eindeutige Bestimmung dieses Sinnes gefaßt gewesen. Nach der korrekten, aber kärglichen
Definition des Aristoteles ist der Traum das in den Schlafzustand – insoferne man schläft –
fortgesetzte Denken. Wenn nun unser Denken bei Tage so verschiedenartige psychische Akte
schafft, Urteile, Schlußfolgerungen, Widerlegungen, Erwartungen, Vorsätze u. dgl., wodurch soll
es bei Nacht genötigt sein, sich allein auf die Erzeugung von Wünschen einzuschränken? Gibt es
nicht vielmehr reichlich Träume, die einen andersartigen psychischen Akt in Traumgestalt
verwandelt bringen, z. B. eine Besorgnis, und ist nicht gerade der vorangestellte, ganz besonders
durchsichtige Traum des Vaters ein solcher? Er zieht auf den Lichtschein hin, der ihm auch
schlafend ins Auge fällt, den besorgten Schluß, daß eine Kerze umgefallen sei und die Leiche in
Brand gesteckt haben könne; diesen Schluß verwandelt er in einen Traum, indem er ihn in eine
sinnfällige Situation und in das Präsens einkleidet. Welche Rolle spielt dabei die
Wunscherfüllung, und ist denn die Übermacht des vom Wachen her sich fortsetzenden oder
durch den neuen Sinneseindruck angeregten Gedankens darin irgendwie zu verkennen?
Das ist alles richtig und nötigt uns, auf die Rolle der Wunscherfüllung im Traume und auf die
Bedeutung der in den Schlaf sich fortsetzenden Wachgedanken näher einzugehen.
Gerade die Wunscherfüllung hat uns bereits zu einer Scheidung der Träume in zwei Gruppen
veranlaßt. Wir haben Träume gefunden, die sich offen als Wunscherfüllung gaben; andere, deren
Wunscherfüllung unkenntlich, oft mit allen Mitteln versteckt war. In den letzteren erkannten wir
die Leistungen der Traumzensur. Die unentstellten Wunschträume fanden wir hauptsächlich bei
Kindern; kurze, offenherzige Wunschträume schienen – ich lege Nachdruck auf diesen Vorbehalt
– auch bei Erwachsenen vorzukommen.
Wir können nun fragen, woher jedesmal der Wunsch stammt, der sich im Traume verwirklicht.
Aber auf welchen Gegensatz oder auf welche Mannigfaltigkeit beziehen wir dieses »Woher«? Ich
meine, auf den Gegensatz zwischen dem bewußt gewordenen Tagesleben und einer unbewußt
gebliebenen psychischen Tätigkeit, die sich erst zur Nachtzeit bemerkbar machen kann. Ich finde
eine dreifache Möglichkeit für die Herkunft eines Wunsches. Er kann 1) bei Tage erregt worden
sein und infolge äußerer Verhältnisse keine Befriedigung gefunden haben; es erübrigt dann für
die Nacht ein anerkannter und unerledigter Wunsch; 2) er kann bei Tage aufgetaucht sein, aber
Verwerfung gefunden haben; es erübrigt uns dann ein unerledigter, aber unterdrückter Wunsch;
oder 3) er kann außer Beziehung mit dem Tagesleben sein und zu jenen Wünschen gehören, die
erst nachts aus dem Unterdrückten in uns rege werden. Wenn wir unser Schema des psychischen
Apparats vornehmen, so lokalisieren wir einen Wunsch der ersten Art in das System Vbw; vom
Wunsch der zweiten Art nehmen wir an, daß er aus dem System Vbw in das Ubw zurückgedrängt
worden ist, und wenn überhaupt, nur dort sich erhalten hat; und von der Wunschregung der
dritten Art glauben wir, daß sie überhaupt unfähig ist, das System des Ubw zu überschreiten.
692
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin